Am 20. Mai 1927 landete eine kleine Maschine auf dem Pariser Flugplatz, ein einfaches Postflugzeug, das bisher zwischen St. Louis und Chikago gependelt hatte; Spirit of St. Louis – so hieß die Beschriftung. Viele Menschen, die seit Stunden gewartet hatten, stürzten heran. Ein 25jähriger junger Mann, lang, schlaksig, blond, stieg aus. I’m Charles Lindbergh, stellte er sich höflich vor, ehe er sprachlos, im Freudentaumel untertauchte, den Paris um ihn entfesselte. Charles Lindbergh, der Mann, der soeben als erster den Atlantischen Ozean im Flugzeug überquert hatte! Das sind nun 25 Jahre her.

Seltsam, es stellte sich im Laufe der Jahre heraus, daß Amerikas Nationalheld ein eigenwilliger Geist war. Er war zwar Soldat gewesen – Hauptmann der Nationalgarde des Staates Missouri – ehe er zu seinem berühmten Flug startete; er wurde rasch Oberst. Aber schon drei Jahre, nachdem er berühmt geworden, sah man ihn als Mitarbeiter des französischen Chirurgen Alexis Carrel am Rockefeller-Institut mit der Erfindung eines medizinischen Apparates (zur sterilen Perfusion von Organen) beschäftigt. Ein Soldat und ein – Pazifist. Er verabscheute das Hitler-System, aber er plädierte in Reden und Schriften dafür, daß Amerika sich aus dem Kriege heraushalten solle, eine Haltung, die ihm Roosevelt so sehr als „prodeutsch“ übelnahm, daß seinen Bewerbungen um Wiedereintritt in die Armee stets ein „Nein“ entgegenklang. Bis es ihm 1943. gelang, im Ingenieur-Korps der US-Heeresluftwaffe eingestellt zu werden. Er war dann auch im Fronteinsatz gegen Japan und kam nach Kriegsende als Begleiter einer Kommission nach Deutschland, die technische Einzelheiten des Flugzeugbaues studieren sollte. Nach Amerika zurückgekehrt, regte er auf neue die Gemüter auf, indem er eine ernste Stimme in den Chor der Siegesfreude mischte. Ein Eigenbrötler? Ein Außenseiter? – War Saint-Exupery ein fliegender Dichter, so zeigte Lindbergh sich als fliegender Moralist. „Vor meinem geistigen Auge ist jetzt die Vision meines Postflugzeugs, das sich über mondbeglänzte Wolken nordwärts schraubt, vermischt mit der Erinnerung an die Leuchtspurstreifen meiner Jagdmaschine, mit dem Anblick von Kriegsflugzeugen, die wie flammende Kometen abstürzen, und von mitleidlos durch die Luft sausenden Bomben.“ So schrieb er in seinem Buch Of Flight and Life (deutsche Ausgabe „Vom Fliegen und Leben“ im Holle Verlag, Darmstadt).

Lindbergh hat längst die Unschuld seines Glaubens an die Wissenschaft, die ihn vor 25 Jahren beseelte, verloren. „In Deutschland (dem Land der Trümmer) erkannte ich, daß der Mensch, wenn seine Kultur fortdauern soll, die materielle Macht der Wissenschaft durch die geistigen Wahrheiten Gottes lenken muß.“ Und an anderer Stelle: „Mit der christlichen Idee ... hat sich der Mensch des Westens ein inneres Gleichgewicht geschaffen, das bisher von keiner Kultur erreicht wurde. Um zu überleben, müssen wir dieses Gleichgewicht beibehalten.“ – Ein frommer oder bloß frömmelnder Mensch? O nein, er sieht die Gefahr der Fronten zwischen Ost und West. Er sieht aber auch, „daß Gewaltanwendung, von höherer Warte aus gesehen, ein Zeichen der Schwäche ist und daß eine Politik, die sich hauptsächlich auf Waffenanwendung stützt, früher oder später Schiffbruch erleiden muß“. Dies gilt für Sowjetrußland, dessen System er haßt; dies gilt ihm auch für Amerika, das, wie er fürchtet, im Fortschritt der Wissenschaft, im Überhandnehmen des Materialismus das „Gleichgewicht“ zu verlieren droht. „Gleichgewicht“ aber (ein ebenso fliegerischer wie philosophischer Ausdruck) ist ihm eine Formel für Menschentum. Jan Molitor