Thyde Monnier: Liebe – Brot der Armen. Roman (über- – setzt von Ernst Sander, neugestaltete und revidierte Aus-

gabe, Marion von Schröder Verlag, Hamburg, 464 S., Leinen, 12,80 DM.)

Dieselbe: Maja. Roman (übersetzt von Georg Goyert, Verlag Kurt Desch, München, 416 S., Leinen, 13,80 DM.)

Für die Beteiligung der Frauen an Parlamentswahlen gibt es eine Meßmethode: den andersfarbigen Stimmzettel. Für den Anteil der Leserinnen an Bucherfolgen sind statistische Unterlagen schwerer zu beschaffen. Das ist eigentlich schade, denn es wäre sehr aufschlußreich, zu erfahren, wie weit die weiblichen Interessen im speziellen Sinne Einfluß auf den Buchmarkt haben. Fest steht wohl, daß „Rebekka“ und „Vom Winde verweht“ ihren Weltruhm den Frauen verdanken, die sich gern in Mrs. de Winter oder in Scarlett O’Hara versetzen; Auch männliche Autoren haben sich auf Leserinnen spezialisiert, etwa Zsolt Harsänyi und John Knittel. In der höchsten Region der Literatur gilt das sogar für Balzac, der mit seinem sechsten Sinn für die seelischen Vorgänge bei Frauen den Grund dafür gelegt hat, daß er nicht nur in den Literaturgeschichten gepriesen, sondern heute noch wirklich gelesen wird (wie das schöne Unternehmen Rowohlts beweist, der seine kleine Balzac-Gesamtausgabe Jetzt wieder erscheinen läßt).

Sind Thyde Monniers Bücher „Frauenbücher“? So stark und plastisch die Frauengestalten in ihren großen Romanen, von denen uns nur ein Bruchteil im Deutschen bekannt ist, herausgearbeitet sind, das Interesse ist hauptsächlich der Entwicklung des Helden zugewandt. Die Übersetzung des Romantitels „Fleuve“ mit „Maja“ verschiebt den Sinn der so bedeutsamen Fabel. Die Hauptfigur ist Pierre, der seinen Weg durchs Leben nimmt wie der Fluß, an dessen Quelle er geboren ist: vom armseligen Hochgebirgsdorf über die kleine Stadt bis zu den hochgezüchteten Obstplantagen an der Mittelmeerküste. Diesen drei Phasen entsprechen drei Frauen: Renne, das simple Geschöpf, das ihm dumpf ergeben ist, Annette, die Sägemüllerstochter, der ihre Schönheit alles ist, und endlich Maja, die erfahrene, kultivierte Frau von Welt, durch deren Liebe er erkennt, daß es im Verhalten des Mannes zur Frau um mehr geht als um Herrschen und Genießen.

In „Liebe – Brot der Armen“ (das aber eigentlich, dem französischen Original entsprechend, nur „Das Brot der Armen“ heißen sollte) scheidet sogar Ollivier, die männliche Hauptperson, für zwei Drittel des Buches aus der Erzählung ganz aus. Er fährt zur See und der Leser vernimmt nichts von ihm. Aber als er zurückkehrt, zeigt sich, daß alles, was inzwischen geschehen ist, nur um seinetwillen geschah, und daß Sylvaines tragisch verstricktes Leben von seiner Rückkehr her den Sinn bekommt: sie ist nun gereift, ihn aufzufangen und mit ihm das „Brot der Armen“ zu teilen.

Nein, die Romane Thyde Monniers sind keine „Frauenbücher“. Schon deswegen nicht, weil die Frauen darin sind, wie sie sind, und bleiben, was sie sind. Der Leserin wird jede Gelegenheit zu schöngefärbten Träumen abgeschnitten, die Geschehnisse bieten sich ihr in einer fast brutalen und kommentarlosen Nacktheit, die auf die stärksten („neorealistischen“) italienischen und französischen Filme vordeutet. Kein Ausschnitt des Lebens wird verklärt, auch die Erinnerung nicht. Vom Dasein der Bauern ist jeder romantische Schimmer fortgeblasen. „Ob du lachst, ob du weinst, ob du leidest, ob du die Deinigen verlierst, ob du Kinder in die Welt setzt, es muß weitergehen. Die Erde ist schlimmer als eine Frau, die ein Kind haben will. Du mußt sie zufriedenstellen – es sei denn du bist tot.“