Paris, im Mai

Paris hat seine neue Sensation – und wieder einmal geht es um Picasso. Der nun siebzigjährige Spanier, der seit einem halben Jahrhundert in Paris lebt, ist Gegner des Franco-Regimes und folglich „Antifaschist“. Nach dem Ende des Krieges trat er formell der Kommunistischen Partei bei. Er entwarf die „Friedenstaube“ für Moskau und weigerte sich, im Labour-England auszustellen. Inzwischen hat sich das Verhältnis zwischen Picasso und dem Osten merklich abgekühlt: der Endsieg der Roten in Korea läßt auf sich warten, und mancher französische und amerikanische Kunstfreund wendet sein Interesse mit Betonung Georges Braque, dem ebenfalls seit kurzem siebzigjährigen Mann des Maßes und der Mitte, zu. Picasso, von dem seine Umgebung sagt, daß er „gerne reich ist“, nimmt es ferner seinen politischen Freunden übel, daß sie für ihre Parteikasse kräftige Tribute von ihm fordern. Auch wird er ermüdend oft bei politischen Veranstaltungen als Aushängeschild benutzt und unlängst wurde ihm ein „realistisches“ Bild ‚,Massaker in Korea“ abverlangt. Picasso selbst will dies Werk nur als Friedenskundgebung aufgefaßt wissen, etwa in dem Sinne, daß im modernen Krieg Frauen und Kinder mitleiden. Die kommunistische Parteipresse deutet hingegen die Soldatengruppe darauf als „feudale Faschisten“, deren „reaktionäre Einstellung“ äußerlich durch Ritterhelme gekennzeichnet werde, mithin als Symbol der UNO-Truppen. Die Kunstkritik hat Picassos Korea-Bild mit seinem großartigen, pathetischexpressiven „Guernica“ von 1937 (heute im Museum of Modern Art in New York) verglichen und stellt ein Nachlassen der gestaltenden Phantasie fest (was den verärgerten Künstler veranlaßte, seine neueste Arbeit wieder zu sich zu nehmen).

Inzwischen hat ein französischer Kunstschriftsteller einen reich illustrierten Aufsatz „Warum verbirgt man uns die sowjetische Kunst?“ veröffentlicht, der einen starken Widerhall fand und viele linksstehende französische Künstler zum erstenmal nachdenklich machte. Vergebens versuchte der kommunistische Dichter und Funktionär Louis Aragon in seinem Organ „Les Lettres Françaises“ mit dem Hinweis auf die Parteidisziplin und „die Ästhetik der Partei“ Zweifel und selbständiges Urteil aus der Welt zu schaffen. Laurent Casanova, Mitglied des „Bureau politique“ der Partei und mit der Überwachung der intellektuellen betraut, ordnete eine Versammlung an, die offenbar für die Gutwilligen als „Schulung“, für die anderen als „Gericht“ gedacht war. Auch Picasso wurde vorgeladen, ist jedoch nicht erschienen. Eine angesehene Wochenschrift bringt die Schlagzeile: „Picasso est mis en accusation.“ Der Maler Salvador Dali bemerkt dazu: „Pablo Picasso und die Kommunistische Partei müssen sich trennen, damit eine durch und durch unwahre Situation ihr Ende findet. Aus Freundschaft für meinen Landsmann wünschte ich, daß er von sich aus den Entschluß zum Austritt fände; sachlich wirkungsvoller wäre allerdings sein Ausschluß durch die Parteileitung.“

Um die Verwirrung voll zu machen, veröffentlicht soeben André Breton, der „Vater des Surrealismus“, den Inhalt eines Gesprächs, das er vor einigen Jahren mit Picasso gehabt hat; der Spanier versicherte ihm damals, was ihn für die Führungsschicht des Kommunismus einnehme, wäre ihre Verwandtschaft mit den spanischen Jesuiten der Gegenreformation, die er – Picasso – „in seiner Jugend sehr hochgeschätzt habe“. (Bekanntlich malte Picasso zunächst Bilder in der Art Grecos, die er später selbst vernichtete). Erinnern wir uns daran, daß es heute in Madrid Kreise gibt, die den Moment für gekommen halten, um Picasso als „grand old man“ in sein Geburtsland zurückzuholen. In der Tat: die Situation bietet so viel Spannung wie ein gutes Drama am Ende des vorletzten Akts.

E. G.