Von Martin Rabe

In Köln, in der Galerie Ferdinand Möller, stellen drei Künstler aus: Georg Meistermann, Hans Uhlmann und E. W. Nay. Alle drei gehören zu jener Richtung, die man als „abstrakte“, als gegenstandslose, als gegenstandsfeindliche Kunst bezeichnet. Als Ferdinand Möller aus der Ostzone nach Westdeutschland ging, tat er dies nicht mit der Absicht, wieder eine Galerie zu eröffnen. Er war ein Vorkämpfer für die Künstler der „Brücke“ gewesen, für Schmidt-Rottluff, Heckel, Kirchner, Nolde und den Zigeuner-Müller. Im Dritten Reich erhielt er dafür die Quittung. Seinen Besitz an Werken dieser Meister mußte er vergraben, um ihn zu bewahren. Nach 1945 dauerte es nur wenige Jahre, bis die Sowjetrussen – auch hierin Gesinnungsgenossen des Nationalsozialismus – zusammen mit ihren sowjetdeutschen Satelliten begannen, ihm Schwierigkeiten zu machen. Er zog nach Köln mit dem Wunsch, still und zurückgezogen zu leben. Doch dort fragte man ihn: „Wenn Sie sich nicht für die moderne Kunst einsetzen, wer eigentlich soll es hier tun?“ Und so machte er abermals eine Galerie auf, in Köln in der Hahnenstraße.

Vom Büro des einstöckigen Baues sieht man durch die Fensterwand im Hof ein Mosaik von Schmidt-Rottluff, das aus Berlin gerettet ist. An den Wänden hängen Bilder von Kirchner, Münch und dem Zigeuner-Müller (was für eine herrliche Landschaft!). Seine drei Ausstellungsräume aber hat Ferdinand Möller der modernsten, der abstrakten Kunst geöffnet. Denn die Avantgarde zu propagieren, dazu fühlt er sich wie ehemals berufen.

Man sieht zuerst Werke des Berliners Uhlmann, denkt an seine Drahtplastiken und erwartet von den ausgestellten Aquarellen, daß sie irgendeine überzeugende Grundlage zu dieser ein wenig abseitigen Kunst liefern könnten. Sie sind jedoch in einem sehr heutigen Sinne kultiviert, das heißt, sie drücken nichts aus, sie beschränken sich im Graphischen wie im Farbigen auf längst erprobte Qualitäten, und dadurch, daß sie erworbene Mittel auf eine gegenstandslose Darstellung anwenden, sind sie ein Beispiel jener Leere, die ein Signum unserer Zeit ist.

In einem Raum daneben hängen Bilder von Georg Meistermann. Sie gehören zweifellos zur abstrakten Richtung, aber der Maler wünscht nicht, daß man sie so ansieht. Er hat für jedes seiner Bilder einen Titel – Strandgut etwa, Ganymed, Ikarus –, aber nicht allen Betrachtern wird es gelingen, zwischen Bildern und Beschriftung eine Beziehung herzustellen. Diese Kunst – wir schrieben es schon einmal – ist zerebral. Nirgendwo auf diesen Bildern zeigt sich ein echter malerischer Impetus. Um eine Harmonie der Farbgebung zu erreichen, bedient sich der Künstler des Verfahrens, durch Abreiben mit Terpentin die Ölfarben auf einen diskret ausgeglichenen Nenner zu bringen.

Ein wenig enttäuscht und geneigt, das Kind mit dem Bade auszuschütten, die abstrakte Malerei also in toto zu verdammen, betritt man den dritten Raum der Galerie. In ihm hängen Bilder von E. W. Nay. Man kennt ihre Farben, so konnte man vor kurzem noch schreiben. Sie sind abgeleitet von dem Prinzip, das Schmidt-Rottluff erfand –: ein Gerüst aus Schwarz und darin verteilt reine, ein wenig erdige Töne. Aber davon ist in dieser Ausstellung nichts mehr zu sehen. Jedes Bild hat eine neue erregende Farbkomposition. Das ist geradezu explosiv, das ist hinreißend in der Erfindung, das ist im Bildaufbau sehr exakt komponiert – meist auf die Diagonale gestellt. Und man freut sich, daß bei einer Reihe dieser Bilder ein Schild mit dem Worte „Verkauft“ hängt.

Und dennoch bleibt man ein wenig unbefriedigt. Das ist alles vom l’art pour l’art her exzellent; da sind nicht nur farbige Delikatessen, da sind auch Feinheiten in variablem Maßstab und in der Komposition, die wie ein Musterbuch einer Hohen Schule in der Artistik der Malerei anmuten. Eines aber fehlt – das nämlich, was aus dem artistisch Vollendeten ein Bild macht. Doch ist ein solches Bild zu schaffen in unserer Zeit überhaupt noch möglich? In unserer Zeit, in der alles immer unlebendiger wird, weil die Lenkung das Lebendige, die Organisation das Organische tötet?

Die Galerie Hoffmann in Hamburg zeigt augenblicklich Lithos von Picasso, gleichfalls hinreißend im Artistischen, unendlich erfindungsreich im Maßstäblichen, in den graphischen Schattierungen, in den Konturen und in der Komposition. Auch bei ihm bleibt manches im Artistischen haften. Anderes jedoch – die Stierkampfblätter etwa – geht durch Inhalt und Ausdruck weit darüber hinaus. Und doch zeigen auch diese Blätter alle Freiheiten maßstäblicher Variation und des bildmäßigen Aufbaus. Vielleicht wäre es gut, wenn die deutschen Abstrakten, die so sehr geneigt sind, das Prinzip höher zu achten als die Empfindung, am Beispiel Picassos studieren würden, welche Möglichkeiten der Freiheit auch einer gegenstandsfreundlichen Kunst heute offenstehen.