Der Ruf nach dem Staatsanwalt, das Verlangen nach Regreßklage gegen den AR der Tuchfabrik Aachen AG. und die Forderung, notfalls durch Prozeß. die Hausbank der Tuchfabrik, die Rhein-Ruhr-Bank, zu zwingen, ihre ab 22. Januar 1952 genommenen Banksicherheiten in Höhe von 2,6 Mill. DM bis auf eine alte Grundschuld von 0,5 Mill. DM freizugeben, waren die Angelpunkte der sehr lebhaften Diskussionen auf einer ao. HV und der Gläubigerversammlung vor dem Konkursgericht Aachen.

Völlig hoffnungslos ist nach den Worten des Konkursverwalters, RA. Dr. Walther, die Lage der Aktionäre der Tuchfabrik Aachen. Einem AK. von 1,8 Mill. DM und Reserven von 0,2 Mill. DM stehen 13 Mill. DM Verbindlichkeiten gegenüber. Selbst für die Lieferantengläubiger wird bei diesem vollkommenen Zusammenbrach kaum eine. Quote von 10 v. H. herauskommen. Das Vermögen von zwei Mill. DM ging schon durch eine gefährliche Wollspekulation des Technischen Vorstandes, Stein, verloren. Dazu kommen Schadenersatzforderungen aus nicht eingehaltenen Lieferantenkontrakten (185 000 kg Kamm- und Streichgarne) von mindestens 2,5 Mill. DM. Außerdem wurde die Liquidität durch Retouren mangelhaft gelieferter Ware im Wert von 1,8 Mill. DM in Frage gestellt. Aus Bürgschafts- und Regreßverpflichtungen kommen aus dem Zusammenbruch mehrerer Akzeptanten 1,2 Mill. DM jetzt auf die Gesellschaft zurück.

Der Konkursverwalter machte den Technischen Direktor Stein für den Zusammenbruch dieser ehemals größten Aachener Tuchfabrik voll verantwortlich. Der Betrieb liegt bis auf eine kleine Appretur still. Etwa 600 Arbeiter sind brotlos. Während der AR-Vorsitzende, der Filialleiter der Aachener Rhein-Ruhr-Bank, Direktor Zinneke, darauf hinwies, daß der Vorstand den Aufsichtsrat und die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft fortwährend getäuscht und die gesetzliche Berichtspflicht gröblichst verletzt habe, waren Aktionäre der Auffassung, daß die Frage zu prüfen sei, ob der AR und die Treuhandgesellschaft nicht auch regreßpflichtig gemacht werden müssen. Die Vertreter der insgesamt 185 Gläubiger kamen zu demselben Ergebnis und verlangten die Bestrafung „der Schuldigen“. Sie waren der Meinung, der Aufsichtsrat könne sich nicht auf Täuschungen durch den Vorstand berufen. Er sei für das Geschäftsjahr 1951 voll verantwortlich und hätte bei dem Umsatzrückgang der Tuchfabrik von durchschnittlich zwei Mill. DM auf 0,4 Mill. DM monatlich im Dezember 1951 hellhörig werden müssen. Statt dessen wurden am 20. Dezember noch drei v. H. Dividende für das Geschäftsjahr 1950 ausgeschüttet.

Der Konkursverwalter nannte diesen Zusammenbruch ein Schulbeispiel dafür, wie gefährlich eine übermäßige Vorratshaltung für ein Unternehmen in einer Zeit politischer Krisen und sprunghafter Wirtschaftsentwicklung werden könne. Wenn sich kein Interessent für die Übernahme des Betriebes finde, müsse das Werk zerschlagen werden. Regreßklagen gegen den Aufsichtsrat können nach Auffassung des Konkursverwalters nur dann erhoben werden, wenn man ausreichendes Material zusammentrage. Die Staatsanwaltschaft hat ihre Ermittlungen aufgenommen. Auf Antrag der Aktionäre soll in einer neuen HV, die spätestens bis zum 31. Oktober 1952 stattfinden muß, der Aufsichtsrat abberufen und ein neuer gewählt werden,

Aktionäre und Gläubiger hoffen, daß „unbefangene Leute ihres Vertrauens“ das Wollknäuel der Querverbindungen, Fehldispositionen, buchungsgemäß nicht erfaßter Geschäftsvorgänge, Gefälligkeits- und verschleierter Geschäfte entwirren können. Im Interesse des Rufes Aachens als Platz solider Kaufleute kann man eine Aufklärung dieses in jeder Beziehung einzig dastehenden Falles nur wünschen. Im übrigen darf man hoffen, daß der Betrieb erhalten bleibt, wenn eine ausländische Industriegruppe günstige Angebote machen sollte. Diese Vorschläge werde, wie glaubhaft versichert wurde, in Kürze erwartet.

E. M.