Düsseldorf, Mitte Mai

Wieder einmal sieht es so aus, als ob der französische Stahl-Fetischismus stärker sein werde, als die Idee der europäischen Großraumwirtschaft. Zwar weiß in Deutschland jedermann, wer die alliierten Kontrollorgane zur Eindämmung der westdeutschen Konkurrenzfähigkeit am stärksten mißbraucht hat, und warum das geschah. Aber zuweilen schien es doch so, als ob die betont positive Haltung Bonns in Sachen Montan-Union (und Gesamteuropa) eine erfreuliche Begründung in der tatsächlichen Weiterentwicklung der zwischenstaatlichen Wirtschaftsverhältnisse erhielte. Leider müssen nun aber Geist und Tenor der letzten deutsch-alliierten Stahlgespräche mit äußerster Sorge registriert werden.

Fortschreiten der planmäßigen Investitionen, Inangriffnahme altbekannter Projekte (im Bereich der Thyssenhütte, Watenstedt, Breitbandstraße usw.) und Anschluß an die von der OEEC auch für Westdeutschland vorgesehene Stärkung der Produktionskraft sind z. Z. die Verhandlungspunkte. Anstatt nun das „marktkonforme“ Hineinwachsen in den Schuman-Plan-Raum zu fördern, zeigt die französische Equipe in der Combined Steel Group deutlich die Tendenz, in die restriktive Haltung der Vergangenheit zurückzufallen. Es entsteht der Eindruck, als ob unsere montane Produktionskraft gehörig zurückgedrängt werden soll, um sie mit möglichst geringen Kapazitäten in die Schuman-Plan-Organisation eintreten zu lassen.

Die am 13. Mai in Düsseldorf durchgeführte Jahresversammlung der Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie hatte gerade erst durch die entschiedenen Ausführungen ihres Vorsitzenden Bruno Fugmann-Rheinhausen erkennen lassen, daß die deutsche Stahlleistung von zur Zeit jährlich 14,5 Mill. t der Leistung von 1912/13 (ohne Lothringen und Saar) entspräche. Seit damals aber sind in aller Welt die Stahlproduktionsziffern um durchschnittlich 3 v. H. jährlich gestiegen. Der deutsche Rückstand, das Ziel der alliierten Nachkriegspolitik, beträgt somit 40 mal 3 gleich 120 v. H. gegenüber den andern Stahlländern, so daß Deutschland, einst an zweiter Stelle der Weltstahlerzeuger, gegenwärtig auf einem schlechten vierten Platz steht.

Die OEEC hat für Europa klare Nahziele aufgestellt. Will die Bundesrepublik sie erfüllen, dann muß, wie Fugmann ausführte, bis 1955 ein Plus von 33 1/3 v. H. sichergestellt werden. Das „Nahziel“ (für 1953) sei daher eine Kapazität von 16,5 Mill. t. Um das zu erreichen, seien 2,2 bis 2,5 Mrd. DM an Investitionsmitteln notwendig.

Der Vorsitzende des Wirtschaftspolitischer. Ausschusses des Bundestags, Dr. Franz Etzel, Anwärter auf den einen der zwei deutschen Sitze in der Hohen Behörde, pointierte dieses schon seit langem in Paris erörterte deutsche Stahlprogramm mit der Addition einiger deutscher und alliierter Geldquellen zur Investitionsfinanzierung. Offenbar haben diese zwei sehr klaren und sachlichen Reden wie ein Schock gewirkt – bei den ewig negierenden und unversöhnlichen Kräften in Frankreich. In der Combined Steel sitzen ja leider auf den französischen Stühlen fast nur Anhänger der „Politik der ewigen Feindschaft“. Das wissen wir in Deutschland ebensogut, wie die ehrlich um einen Frieden und Ausgleich bemühten Franzosen jenseits der Grenze. Mit wachsender Sorge, hier wie dort, hört man nun, daß die den wirtschaftspolitischen Fortschritt hemmenden Persönlichkeiten aus der Combined Steel (wie auch aus anderen Kontrollorganen) nicht nur einzeln, sondern gleich gruppenweise in die Hohe Behörde einziehen sollen. Daß damit der Keim zum Siechtum in eine gute Idee gelegt würde, ist nur zu klar.

Wie sieht nun in Wirklichkeit die deutsche und die französische Stahlplanung aus? Wenn auch (leider) kaum eine Chance besteht, daß eine objektive Aufklärung dieser Art an die einseitig unterrichteten politischen Kreise Frankreichs gelangt, sollen doch die Fakten hier einmal dargestellt werden: Von April 1947 bis Ende März 1951 wurden für echte Investitionen (also Aufwendungen ohne Reparaturen und Werkserhaltung) in der deutschen Stahlindustrie insgesamt rd. 450 Mill. DM ausgegeben. Aus ECA-Mitteln kamen davon 167 Mill. DM. Von März 1951 bis zur Gegenwart dürfte, nach vorläufigen Berechnungen, ein Betrag von 220 bis 250 Mill. DM neu verbaut worden sein. Das macht zusammen im Höchstfalle 700 Mill. DM. Der tatsächlich vorhandene Investitionsbedarf für die nächsten drei Jahre aber beträgt rd. 2,5 Mrd. DM, eine Summe, in der der Aufwand für Kokereien, zur Sicherung der Hüttenversorgung, mit enthalten, ist. Der reine Finanzbedarf der Stahlwerke liegt also bei etwa 2 Mrd. DM, mithin für den Zeitraum von 1947 bis 1954 bei zusammen 2,7 Mrd. DM. Dr. Etzel erklärte ergänzend, daß der jährliche Investitionsbedarf für alle Grundstoffindustrien von etwa 2,5 Mrd. DM für 1952 tatsächlich nur bis zu 1,37 Mrd. DM als gesichert angesehen werden könne, während schon für 1953 „ein absolutes Loch“ bestünde.