In der amerikanischen Zeitschrift Life veröffentlicht seit einiger Zeit Tito, vielleicht wegen seines bevorstehenden 60. Geburtstages, in Fortsetzungen seine Autobiographie. Viel Neues steht in den bisherigen Veröffentlichungen nicht. Sie mögen aber insofern nützlich sein, als nun die Behauptungen und Gerüchte, daß Tito nicht Tito oder wenigstens nicht Josip Broz aus Kumrovec bei Agram sei, zum Schweigen kommen werden – er ist es.

Geboren wurde er am 25. Mai 1892 als siebentes der fünfzehn Kinder eines Kumrovecer Kleinbauern. Er lernte das Handwerk eines Schmiedes und Mechanikers, ging nach Österreich und Deutschland auf die Wanderschaft, arbeitete bei Skoda in Pilsen, bei Daimler in Wiener Neustadt, in München, in Mannheim und an der Ruhr. 1913 wurde er Soldat, 1914 ging er – den Marschallstab im Tournister – an die Front nach Galizien, 1915 wurde er von den Russen gefangen. Fünf Jahre später kam er als Kommunist nach Kroatien zurück, das inzwischen mit Serbien und Slowenien zu Jugoslawien zusammengeschlossen worden war.

Es wäre nutzlos, seinen Lebensweg, der oft genug (so auch in der ZEIT vom 9. Februar 1950) ausführlich geschildert wurde, an der Hand der Autobiographie weiterzuverfolgen. Sie zeigt Tito – der Name war, wie er selbst sagt, ein zufällig gefundener Deckname ohne weitere Bedeutung – als einen echten Kommunisten. Man sieht das zum Beispiel an dem harten Urteil, das er über die Behandlung ausspricht, die ihm die königliche Polizei Jugoslawiens zuteil werden ließ. Als er drei Jahre einer lebhaften und ungestörten Agitorentätigkeit hinter sich hatte, setzte sie ihn zum ersten Male für acht Tage fest. Nach einem weiteren halben Jahrzehnt Untergrundarbeit wurde er zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Seine Kritik an der gewiß nicht allzu freundlichen Polizei des Königs Alexander erinnert lebhaft an die schweren Vorwürfe, welche die bolschewistische Literatur gegen die Polizei des Zaren richtet, die dennoch im Vergleich zur bolschewistischen GPU von großer Milde war. Auch in Titos Jugoslawien wird man für einen Bruchteil der umstürzlerischen. Tätigkeit, deren Tito sich heute rühmte für zwanzig Jahre ins Zuchthaus, wenn nicht an den Galgen gebracht. Zur kommunistischen Denkweise gehört es aber, für sich all das als erlaubt in Anspruch zu nehmen, was man dem Gegner als Verbrechen zurechnet. Die meisten Menschen verstehen nicht – und die Kommunisten wollen, es nicht verstehen – daß sie sich in derselben Lage befinden wie der von ihnen gescholtene Gegner. Auch für diese Tatsache sind die Memoiren Titos bemerkenswert.

*

Tito wird in diesen Tagen 60 Jahre alt. Als er 40 war, saß er als Häftling Nr. 483 mit seinem Freund Moscha Pijade im Zuchthaus Lepoglava und erlernte die Theorie des politischen Marxismus, für den er seit zehn Jahren; in der Praxis gearbeitet hatte. Aber erst mit 50 begann er seine eigentliche politische Karriere. Bis dahin war er ein reisender Agent des Kommunismus gewesen, seit 1937 immerhin als Generalsekretär der kommunistischen Zwergpartei Jugoslawiens. Seine große Zeit begann 1942 im jugoslawischen Bürgerkrieg, den er gelegentlich gegen die deutsche Besatzungsmacht, stets aber unter ihren Augen in den Bergen Bosniens, Montenegros, zeitweise auch in Serbien und zum Schluß im ganzen Lande führte. Er erwies sich als ein hervorragender Bürgerkriegschef und als ein klüger Politiker dazu. Niemals zwischen 1942 und 1945 verlor er das Ziel aus den Augen, das er sich gesteckt hatte: das kommunistische Jugoslawien. Niemals ordnete er es irgendwelchen Notwendigkeiten des großen Krieges der Weltmächte, der Taktik Churchills und Roosevelts, ja selbst nicht den Wünschen Stalins unter. Er war zeitweise in der Tat ein besserer Kommunist als Stalin selber. Während der Kreml die Westmächte beschwichtigen wollte, warf Tito die Anhänger des exilierten Königs hinaus und fing Krieg mit dessen Kriegsminister Michailowitsch an. Ein Jahr nach dem Einzug Titos und der Roten Armee in Belgrad war Jugoslawien ein kommunistisches Land. Die Partisanen saßen in den Ministerien, die Minister und viele Tausende andere saßen in den Zuchthäusern. Tito hatte in einem erbarmungslosen Prozeß die Macht erlangt, soviel Macht jedenfalls, wie Jugoslawien damals zu vergeben hatte: die Macht des ersten Repräsentanten Stalins.

Vier Jahre später zeigte sich, daß das weniger war, als Tito geglaubt hatte. Denn am 28. Juni 1948 machte das Kominform einen entschiedenen Versuch, Tito zu stürzen und einen anderen Stellvertreter Stalins einzusetzen. Was der tiefere Grund dafür war, ist aus den wilden Auseinandersetzungen zwischen Belgrad und Moskau bis heute noch nicht klar hervorgegangen. Möglicherweise war Tito in die Schdanow-Krise hineingezogen worden und hatte keine Gelegenheit gefunden, sich mit Schdanows Nachfolger, dem heutigen Kominform-Chef Malenkow, zu einigen. Jedenfalls war Tito nicht der Mann, sich absetzen und hinterher als Verräter aburteilen zu lassen. Mit der gleichen Entschlossenheit, die seine ganze politische Karriere kennzeichnet, nahm er den Fehdehandschuh- auf und löste Jugoslawien aus dem sowjetischen Satellitensystem. Es war, bedenkt man die Verfassung dieses Systems, nicht ein außenpolitischer Akt, sondern ein Staatsstreich. Das muß man im Auge behalten, wenn man sich über seine heutige Situation Rechenschaft ablegt. Viele jugoslawische Kommunisten betrachten ihn seit 1948 als einen Usurpator. Die anderen Jugoslawen haben ihn schon immer als einen Usurpator betrachtet.

*