Die großen Romane dieser Zeit sind Katastrophenromane. Bücher, die eine intakte Welt schildern, geraten leicht in den Verdacht, schönfärberisch zu sein. Lesermassen verlangen nach solchen Traumfabrikaten, und so kommen die Lore-Romane zu ihrer Millionenauflage. Man kann aber auch, wie die folgende Reihe zeigt, mit Kunst, Geist und Wahrhaftigkeit das Bild der Welt im kleinen so zeichnen, daß man erkennt: kein Riß ist so tief, daß er nicht überbrückt werden könnte.

Alberto Moravia: Leda Baldoni und der Fremde. Roman. (Ein Lilienbuch im Verlag Kurt Desch, München, 215 S., Leinen, 7,50 DM.)

Die wörtliche Übersetzung des Originaltitels heißt „Die eheliche Liebe“. Moravia läßt einen jung und glücklich verheirateten Schriftsteller mitten in den nach einem Jahr noch nicht beendeten Flitterwochen eine Novelle mit dem Thema „eheliche Liebe“ schreiben und daran einstweilen scheitern, weil nach so kurzer Zeit zwei Partner sich noch nicht krisenfest zusammengelebt haben können. Ein Meisterwerk der andeutenden und beziehungsreichen Psychologie.

Walther von Holländer: Als wäre nichts geschehen. Roman. (Verlagshaus Christian Wolff, Flensburg und Hamburg, 322 S., Leinen, 14,80 DM.)

Der versierte Ehe-Analytiker wagt sich an einen extra komplizierten Fall: Eine Ehe zwischen Arzt und Ärztin, durch ein Mißverständnis während der russischen Gefangenschaft des Mannes, zerbrochen, findet nach lebhaften Umwegen eine neue, halb kameradschaftliche, halb erotische Basis. Ein scharfsinnig durchkalkulierter Einzelfall, aus dem keine Regel abgeleitet werden kann.

Alexander Máral: Die Nacht vor der Scheidung. Roman. (Paul Neff Verlag, Wien-Berlin-Stuttgart, 214 S.)

Der Held dieses geistvollen Eheromans ist der Scheidungsrichter, der in einem ihm vorliegenden Fall selbst maßgeblich beteiligt ist und das erst erfährt, als ihn der Ehemann und Jugendfreund in der Nacht vor dem Termin besucht. Das Gespräch der beiden Männer, das den Inhalt der Erzählung ausmacht, ist eine wechselseitige Psychoanalyse von großer Spannung.