Von Joseph Breitbach

Jean Schlumberger, der französische Dichter und Journalist, der große Verteidiger der Gerechtigkeit, wird am 21. Mai 75 Jahre alt. Väterlicherseits entstammt er einem württembergischen Patriziergeschlecht, das 1648 aus Treue zum lutherischen Glauben von dem katholischen Ulm nach dem Elsaß zog. Unter seinen väterlichen Vorfahren ist der Schweizer Physiker Jacques Bernoulli, unter seinen Ahnen mütterlicherseits Nicolas de Malezieu und der südfranzösische Historiker und langjährige Minister Louis Philippes, François Guizot, der Jean Schlumbergers Urgroßvater ist. Schlumberger, der in Paris Philologie und Theologie studierte, wuchs in dem seiner Mutter gehörenden Schloß Val-Richer in der Normandie auf, wo sie in dem nahen La Roque André Gide – einst der jüngste Bürgermeister Frankreichs – zum Nachbarn hatten, wie Schlumberger es in seinem Erinnerungsbuch „Eveils“ und Gide im „Immoralisten“ beschrieben haben.

Jean Schlumbergers dichterisches Werk, das hier nur erwähnt, aber nicht behandelt werden soll, genießt bei einer Elite von Lesern hohe Achtung. In viele Sprachen ist es übersetzt worden; Péguy, Gide, Rilke, Bergson haben es bewundert; das von E. R. Curtius übersetzte Stück Césaire ist eine schwarze Perle des Theaters, Le Lion devenu vieux einer der besten französischen Romane überhaupt; alle diese Werke haben auch hohe Auflagen, aber keines ist populär. Warum? Gides Schwiegersohn Jean Lambert hat es treffend formuliert, er beginnt sein Buch über Schlumbergers Werk mit folgendem Satz: „Dieses Werk ist so diskret, daß davon zu sprechen fast eine Indiskretion ist.“

Wie hat es aber geschehen können, daß Schlumberger, der am 26. Mai seinen 75. Geburtstag feiert, dem großen Publikum dennoch bekannt und eine der moralischen Autoritäten Frankreichs geworden ist? Was dies bewirkt, waren die politischen Aufsätze, die er zuerst in der von ihm mit Gide begründeten Nouvelle Revue Française veröffentlichte, und seine Chroniken zu Problemen der Zeit, die seit 1937 der Figaro bringt. Daß Schlumberger auf diese Weise das Ohr weiter Schichten der Nation gewonnen hat, ist nicht erstaunlich, wohl aber, daß dies mit Artikeln gelang, die das gleiche hohe Niveau wie seine Bücher haben und durch ihre strenge intellektuelle Rechtschaffenheit ähnliche Ansprüche an den Leser stellen wie seine so aristokratisch-kühlen Betrachtungen „über die Grenzen der Religion“. Von dem Chronisten Schlumberger kann man dasselbe sagen, was er 1913 in seinem Essay „Beim Lesen des Thukydides“ geschrieben hat: „Was zwang Thukydides zu dieser heroischen Klarheit des Blicks und dieser fast nicht mehr menschlichen Unparteilichkeit? Dieses königliche Bedürfnis, gerecht zu sein, diese Verachtung für alles, was nicht den vollen Ton des Wirklichen widergibt: dies ist. nicht das Ergebnis einer guten intellektuellen Disziplin, sondern viel mehr das Zeichen einer Vornehmheit und eines Mutes, der sich ganz selbstverständlich dem Schwierigsten zuwendet.“ Dieser Passus aus dem mit Recht berühmten Essay genüge; er ist aufschlußreich; von ihm führt ein gerader Weg zu den politischen Aufsätzen, die Schlumberger ab 1923 veröffentlichte. Mit Argumenten des Herzens und des Verstandes beschwor er damals Frankreich, sich nicht, auf Rechte pochend, in der Ablehnung Deutschlands zu versteinern, sondern die vitalen Werte und Zukunftsmöglichkeiten in Europa zu erkennen. Er warnte vor dem die Realitäten entstellenden Nationalismus und vor dem sterilen Festhalten an der Tradition. „Frankreich läßt durch seinen Mangel an Einbildungskraft Europa zu Grunde gehen“, schrieb er 1930 alarmierend an die Adresse derer, die, schließlich unbelehrbar, Europa durch Trägheit des Geistes und Mangel an Herz, durch ängstliche Passivität verrieten.

Und es kamen Hitler, sein Mißbrauch des deutschen Arbeitslosen-Elends und der alten deutschen Ungeduld und damit ein zweiter, diesmal blutiger Verrat an Europa, der mit Millionen Toten und Gequälten endete. Als die Waffen 1945 endlich schwiegen, schwieg im Lager der Sieger fast überall auch die Vernunft. Schlumberger, der sich in der Niederlage Haltung und Klarblick bewahrt hatte, bewahrte diese auch nach der Befreiung. Er beschwor das Land, nicht in die Fehler der soeben Besiegten zu fallen: Selbstüberhebung und ruchlose Willkür. Er erinnerte daran, daß Frankreich nur mit fremder Hilfe die Freiheit wiedergefunden hatte und daß es jetzt gelte, sie zu verdienen.

Es besteht ein tiefer innerer Zusammenhang zwischen den Themen von Schlumbergers dichterischem Werk und denen seiner Chroniken im Figaro. Das Hauptthema seines von Rilke so bewunderten Romans „Ein Glücklicher“ ist die Selbsterprobung des Menschen: Der Held verläßt Heimat, Frau, Kind und glänzende Verhältnisse, um, aller ererbten Mittel entblößt, seine Fähigkeiten und seinen Charakter unter Beweis zu stellen und sein Erbe zu erwerben. Nichts Geringeres verlangt Schlumberger auch von Frankreich. Es soll sich seiner reichen Tradition, seines noch einmal geretteten Besitzes und der Stellung, die es beansprucht, durch Leistungen würdig und fähig erweisen; wie viele seiner Artikel haben diese Forderung zum Gegenstand! In seiner großartigen Erzählung „Der Verschüttete“, die er aus der Erinnerung an ein Fronterlebnis des ersten Weltkrieges schrieb, wird der Verschüttete angesichts des Todes endlich er selbst; es ist der Sieg der „eigentlichen“ Persönlichkeit über jene Person, die er für die anderen gewesen ist. Diesen Weg zu sich selbst zu machen, aber rechtzeitig und nicht erst im Sterben – wie oft hat Schlumberger sein Land dazu angespornt, auch wenn dabei Fassaden fallen sollten!

Überzeugt, daß die öffentlichen Lügen und Selbstüberschätzungen das Land in seinem Kern verderben, daß die Entlarvung der Übel jedoch nur ein Prestige treffen, das es zurückgewinnen kann, ist Schlumberger nach der Befreiung oft als erster und einziger mit Erfolg dem Haß und der Verwirrung der Rechtsbegriffe entgegengetreten, wie erklärlich ihm die Exzesse nach der erlebten Unterdrückung auch immer waren. Ungerecht bestrafte Gegner von gestern, Vichysten, Wehrmacht- oder SS-Soldaten fanden, da er sich aus Sorge für Frankreich zum Wächter des Rechts machte, in ihm einen Anwalt. Seine Berichte über den Pétain-Prozeß und sein als Buch erschienenes Charakterbild des Marschalls waren der Resistance, die ihn zu den ihren zählte, ähnlich unbequem wie das objektive Bild von Sparta, das Thukydides einst den Athenern gab.