Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, Ende Mai

Was könnte denn Westberlin passieren? Darüber zerbrechen sich viele Leute den Kopf. Einige laufen Zucker und Konserven ein. Sie denken an die Blockade. Viele denken an sie, aber nur wenige kaufen mehr ein, als sie für ihren normalen Haushalt brauchen.

Nervös gemacht werden die Berliner viel mehr durch ihre Landsleute in der Bundesrepublik. Sie rufen bei den Berliner Firmen an und stoppen Lieferungen. Sie fragen aus München, Stuttgart und Köln an, ob es nicht besser sei, mit dem Transport bis – sagen wir – Ende des Monats zu warten, denn – so fügen sie flüsternd hinzu – die kritischen Tage um den Unterzeichnungstermin wolle man doch lieber abwarten. Woher den Geschäftsfreunden in der Bundesrepublik ihre neue Fürsorge kommt, fragen sich die Berliner. „Aber lesen Sie denn keine Zeitungen?“ antworten die aus Nürnberg, Frankfurt und Bremen. Sie haben recht: die westlichen Zeitungen hatten eine Woche lang aufregende Schlagzeilen über Berlin: das hatte Ulbricht, der Generalsekretär der SED, geschafft. Das Gift der Panik hatte er mit seiner unheimlichen Drohung in den Tagen nach der Unterzeichnung des Generalvertrags werde es Westberlin zu spüren bekommen, unter die Westdeutschen geträufelt. Nun sind die Berliner gegen solche Drohungen nicht einfach leichtsinnig. Daß sie nicht gerade Ovationen aus dem Osten zu erwarten haben, wenn in Bonn am Sonntag der Deutschland-Vertrag unterzeichnet wird, wissen sie. Sie verstehen auch mancherlei von der Taktik der kommunistischen Propaganda. Jetzt steuert sie darauf hin, die Sowjetzone militärisch fit zu machen. Das betrifft vor allem die Funktionäre und die Massen der Sowjetzone. Und wenn die neue Resolutionsmaschine aus FDJ-Lagern, aus Ostzonen-Universitäten, aus Jungarbeiterkonferenzen anläuft: „Wir wollen unsere Heimat mit der Waffe in der Hand verteidigen“, so weiß man in Berlin, daß zu diesem Umschaltungsprozeß in den nächsten Wochen und Monaten viel in der Sowjetzone wird getan werden müssen. Das ist keine Bagatellisierung der ernsten Militarisierung der Zone. Aber es ist eine Einstellung auf das Maß der Wirklichkeit.

Natürlich, Berlins Situation wird wieder einmal besonders angespannt werden. Die Isolierung der Weststadt ist ja bereits weiter fortgeschritten, seitdem Anhalter und Stettiner Bahnhof geschlossen worden sind, weil sie Berührung mit den Westsektoren haben. Gewiß, die Interzonenzüge enden und starten noch am westlichen Zoologischen Garten, und über die Sektorengrenze fahren tagaus, tagein Tausende von Straßenbahnen, U-Bahnen und Autos. Es ist schwer, sich vorzustellen, daß dieser Kontakt abreißen soll. Aber die Demarkationslinie selbst wird von der östlichen Propaganda bereits als bedroht geschildert, so daß wohl Ärgeres noch als die bisherige Absperrung erwartet werden muß.

Und der Weg von Berlin nach drüben? Das Nadelstichspiel mit den Patrouillen der westalliierten Militärpolizei wird fortgesetzt. Ob es nur erprobt wird, um die weichen Stellen abzutasten? Denn über diese Patrouillen gibt es wieder einmal keine genauen Abmachungen. Die Vermutungen gehen weiter. Gerüchte laufen um, die Sowjetunion werde mit der „Deutschen Demokratischen Republik“ einen analogen Vertrag wie die Westmächte mit der Bundesrepublik schließen. „Außenminister“ Dertinger läßt sich seit langem als Autor eines solchen Planes heimlich feiern. Und er möchte, daß die Behauptung Verbreitung finde, zusammen mit dem Recht, eigene Truppen aufzustellen, würden die Sowjets der DDR auch das Recht der Verkehrs- und Lufthoheit über ihrem Raum zubilligen. Sich auszudenken, was dann aus den Verkehrswegen zwischen Berlin und der Bundesrepublik werden konnte, möchte er dem Westen überlassen.

Auch von solchen Projekten weiß man in Berlin. Aber auch davon, daß Ulbricht geschwiegen hat, seitdem seine leichtfertige Behauptung, der Generalvertrag umfasse auch Berlin und beende damit die Viermächtevereinbarungen, klar als falsch erwiesen ist. Keine Frage, daß in Westberlin die Einbeziehung in den Deutschland-Vertrag als eine kräftige Unterstreichung des Bündnisses der Stadt mit dem Westen begrüßt worden wäre. Doch die Berliner sind Realisten. Deshalb begreifen sie das formale Draußenstehen gerade jetzt als die zweckmäßigere Form. Dem Osten preisgegeben fühlen sie sich durch die Ausklammerung aus dem Deutschland-Vertrag keineswegs, denn sie haben die Garantie der Westmächte. Sie ist eben noch einmal wiederholt worden. Vor der Blockade im Jahre 1948 gab es diese Verpflichtung der Westmächte für Berlin noch nicht. Heute aber ist sie einer der festen Bestandteile der westlichen Politik. Und genau dies ist ja der Punkt, der die sowjetische Politik gegenüber Berlin in diesen Tagen bestimmt.