Das Wort „Rationalisierung“ gilt in Österreich nicht

Von Dr. F. Nemschak, Leiter des Instituts für Wirtschaftsforschung

Auch in Österreich ist das Thema „Produktivitätssteigerung“ nun in aller Munde. Kein wirtschaftspolitischer Vortrag und keine wirtschaftspolitische Schrift versäumen es, der Produktivität den gebührenden Tribut zu leisten. Vielleicht hat auch das „österreichische Produktivitäts-Zentrum“, das als eines der ersten in Europa schon vor gut zwei Jahren gegründet wurde, einiges dazu beigetragen, in der öffentlichen Meinung das Bewußtsein zu formen, daß Steigerung der Produktivität der einzige, dauernden Erfolg versprechende Ausweg aus unseren Schwierigkeiten ist, daß die österreichische Wirtschaftspolitik ihre Ziele – Sicherung der Unabhängigkeit (nach Versiegen der Auslandshilfe), Hebung des Lebensstandards und Erhaltung einer hohen Beschäftigung – nur durch namhafte Leistungssteigerungen erreichen kann.

Dagegen hat in Österreich das Wort „Rationalisierung“ keinen guten Klang. Im Bewußtsein und Unterbewußtsein der Leute heißt Rationalisierung soviel wie Freisetzung von Arbeitskräften. In weiten Kreisen besteht das tief eingewurzelte Vorurteil, daß die Massenarbeitslosigkeit in den dreißiger Jahren, als im kleinen Österreich fast 700 000 Menschen arbeitslos waren und auf zwei Beschäftigte ein Arbeitsloser entfiel, die Folge der Rationalisierungswelle nach dem ersten Weltkrieg gewesen sei. Daß die Zusammenhänge viel komplizierter waren und sich vor allem eine wenig konstruktive Wirtschaftspolitik verhängnisvoll auswirkte, will heute niemand wahrhaben. Das Wort Rationalisierung ist einfach suspekt. – Der vortrefflichen Idee der Produktivitätssteigerung droht indessen, ähnlich wie den vielversprechenden aber doch noch keinen konkreten Weg weisenden Begriffen „europäische Integration“ und gesamtwirtschaftliches Konzept“, die Gefahr, Modewort und unverbindliches Lippenbekenntnis zu werden.

Tatsächlich birgt das Wort „Produktivitätssteigerung“ eine Fülle von Vorstellungen und Aspekten. Vieles davon kann man sicher ebensogut mit Rationalisierung umschreiben: das Streben nach der sparsamsten und zweckentsprechendsten Verwendung von Rohstoffen und Energie, die Vereinfachung der Arbeitsmethoden, die Bereinigung der Typen, die Verbesserung der innerbetrieblichen Organisation, die Verkürzung der Transportwege, kurz, eine Unsumme von Bemühungen um die beste Form und wirtschaftlichste Nutzung der Dinge.

Vielleicht haben wir im Zeitalter der Technik den Arbeitsprozeß zu sehr von der Ratio her zu gestalten versucht, und vielleicht haben uns erst die Erlebnisse des Krieges und die harten Belastungen in den folgenden Jahren rascher und eindringlicher gelehrt, die seelischen und moralischen Kräfte im Menschen ebenso sorgsam ins Kalkül zu ziehen, wie die materiellen Faktoren. Hat nicht der nüchterne Verstand in den ersten Wochen der Blockade Berlins, als die Idee einer Versorgung auf dem Luftwege noch utopisch schien, mit guten Argumenten zu einer Kapitulation geraten? Und siegte dann nicht doch der Glaube und die moralische Kraft der Berliner Bevölkerung, und beschwor nicht eigentlich diese unbeugsame Haltung die Luftbrücke herbei? Ich könnte auch aus meinem Lande, das nach einem opferreichen Kriege nun schon seit sieben Jahren von vier Mächten besetzt ist, von ähnlichen „Wundern“ und Heldentaten erzählen. Wie unter widrigsten Umständen und großen Gefahren Betriebsführungen und Belegschaften durch Tatkraft, Fleiß, zähe Ausdauer und Opferbereitschaft innerhalb weniger Jahre aus zerbombten und demontierten Betrieben sehr leistungsfähige Produktionsstätten schufen, die zum Teil schon 1948 die Vorkriegsleistungen überschritten.

Aber alle Bemühungen in den Betrieben, so unabdingbar notwendig sie sein mögen, sind am Ende vergeblich, wenn nicht die staatliche Wirtschaftspolitik die allgemeinen Voraussetzungen dafür schafft, daß sich die Anstrengungen der vielen einzelnen zum Wohle der Gesamtwirtschaft auswirken können. Die Wirtschaftspolitik muß sich sowohl in ihren Grundsätzen als auch in ihren Einzelmaßnahmen vor allem vom Gedanken eines gesunden Leistungswettbewerbs leiten lassen, d. h. sie muß dem schaffenden Menschen, dem Unternehmer so gut wie dem Arbeiter, Angestellten und frei Schaffenden, wieder zu dem Bewußtsein verhelfen, daß es sich lohnt, durch echte Leistung ein höheres Einkommen zu erarbeiten.

Zweitens ist es notwendig, daß sich das ganze Volk der Größe und Dringlichkeit dieser Aufgaben voll bewußt wird; Die Wirtschaftspolitik muß die Steigerung der Produktivität zu einer wirklichen „res publica“ erheben. Unternehmer, Bauer, Arbeiter und Angestellter werden sich nur dann zu einer großen nationalen Kraftanstrengung vereinen, wenn sie wissen, wofür sie arbeiten, wenn sie die Ziele und die Probleme der Wirtschaft kennen und daher an ihrer Lösung bewußt mitzuarbeiten, gegebenenfalls sich aber auch kritisch zu äußern vermögen. Wie die Moral im Betrieb dort am besten ist, wo die Leitung der Belegschaft Sinn und Zweck ihrer Anstrengungen erklärt und sie laufend über die Betriebsergebnisse informiert, so kann auch die Gesamtwirtschaft nur gedeihen, wenn zwischen der wirtschaftspolitischen Spitze und den Trägern der Wirtschaft ein Vertrauensverhältnis besteht. Erst das Bewußtsein, Mitarbeiter und Mitgestalter an einem größeren Werke zu sein, macht die besten Kräfte in den Menschen frei und befähigt sie zu höheren Leistungen.