Zweieinhalb Millionen Juden, die in Osteuropa den zweiten Weltkrieg überlebten, sind jenem Fremdenhaß ausgesetzt, der von den totalitären Regimen allerorten geschürt wird. Aus den Volksdemokratien und der Sowjetunion werden ähnliche Maßnahmen gemeldet. Etwa 1000 Juden der Sowjetzone ist die Gewerbekonzession entzogen, ihre Umsiedlung angeordnet oder ihr Name von der VVN-Liste gestrichen worden.

Damals, bei der russischen Revolution von 1917 hat das Judentum eine bedeutende, wenn auch nicht die entscheidende Rolle gespielt, die ihm häufig zugeschrieben wird. Man vergißt oft, daß es sich um Intellektuelle handelte, die sich längst von ihrem religiös-nationalen Boden gelöst hatten. Wohl aber kann man sagen, daß die logische Geschlossenheit des marxistischen Systems, sein messianistischer Charakter und die Übertragung der Funktion des auserwählten Volkes auf das Proletariat für das jüdische Denken bestechend sein mußten. Man darf nur nicht überrascht sein, wenn die neue Heilslehre von dem Gebot: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ mit voller Strenge Gebrauch macht. Es ist unmöglich, Bolschewist und gleichzeitig Christ, Jude, Liberaler oder Freimaurer zu sein. Wer das „und“ in seinem Herzen nicht streicht, wird früher oder später bei einer „Abirrung“ ertappt werden.

Der Bolschewismus hat die Judenfrage zunächst als reine Nationalitätenfrage behandelt. In einer gewissen Konkurrenz zum Zionismus schuf er in dem unwirtlichen ostsibirischen Gebiet von Birobidshan eine jüdische Heimstätte, die es nie über 40 000 jüdische Bewohner gebracht hat. Die Masse des – Judentums drängte aus dem sich auflösenden Ghetto in die Bürokratie und in die Fabriken; einzelne machten vorübergehend ihr Glück während der NEP-Periode. Der Mangel an Arbeitsplätzen aber schürte eine judenfeindliche Stimmung in der russischen Bevölkerung. Dies änderte sich, als mit dem ersten Fünfjahresplan die Arbeitslosigkeit verschwand.

In den großen Schauprozessen während der Jahre 1936/38 werden die antisemitischen Untertöne wieder stärker. Die Trotzki, Sinowjew, Kamenew und Radek werden als „Verräter“ herausgestellt. Gleichzeitig werden jüdische politische und kulturelle Organisationen so stark „gesäubert“, daß sie praktisch zum Erliegen kommen. Im Kriege hat die Sowjetregierung entgegen ihren offiziellen Versicherungen keine ernst ichen Anstrengungen unternommen, um die jüdische Bevölkerung vor den Deutschen zu retten.

In der Nachkriegszeit führt dann der „Sowjetpatriotismus“ zu einem neuen Stoß gegen das Judentum. Auf wen konnte der Begriff des „wurzellosen Kosmopolitentums“ besser passen als auf ein heimatloses Volk, das einem abstrakten Nationalbegriff huldigt, soweit es sich nicht einen für chauvinistisch gehaltenen Zionismus ergab? Der Bolschewist wird eine solche Beurteilung niemals antisemitisch nennen, so wie er stets geleugnet hat, die christliche Kirche bekämpft zu haben. Seiner Meinung nach hat er sich carauf beschränkt, staatsfeindliche Priester zu liquidieren. Für die Opfer sind das freilich Spitzfindigkeiten. Die Löschung der Namen fast aller jüdischen Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler in der neuen Ausgabe der Sowjet-Enzyklopädie zeigt, was die Glocke geschlagen hat. Die letzte jiddische Zeitung hat vor etwa zwei Jahren ihr Erscheinen eingestellt.

In den Satellitenländern hat sich das Judenproblem in der gleichen Weise zugespitzt, nur daß sich hier die verschiedenen Stufen der sowjetischen Entwicklung in eine Phase zusammendrängen. Es gibt noch Juden in hohen Staatsstellungen, wie Minc und Berman in Polen, aber es gibt sie auch auf der Anklagebank wie Slansky in der Tschechoslowakei. Es gibt jüdische Gemeinden, denen nach der Hitlerzeit ein nationales Eigenleben garantiert wurde und die heute einer Zwangsassimilierung ausgesetzt sind. Die Deportation der „unerwünschten“ Bevölkerung aus Budapest und Bukarest trifft das Judentum in besonderem Maße. Auswanderung ist nicht mehr gestaltet, Zionismus gilt als Verbrechen.

Die Berichte der jüdischen Weltorganisationen sprechen von der Gefahr der geistigen und auch physischen Vernichtung des Judentums hinter dem Eisernen Vorhang. Es regt sich dort eben ein Nationalismus im kommunistischen Gewande, ein Reichsbewußtsein, das immer deutlicher die Vorherrschaft der russischen Sprache verlangt und in seiner Uniformität alle nationalen Sonderheiten allmählich auszumerzen sucht. Nicht zum erstenmal ist das Schicksal des Judentums ein Anzeichen dafür, daß die innere Erstarrung einer Macht den Punkt erreicht hat, wo sie nur noch abstoßen kann und nicht mehr zu resorbieren vermag. Harald Laeuen