Von Martha Maria Gehrke

An frühen Morgen erwachte ich vom Rollen vieler Wagen in der engen Getreidegasse, einem störenden Geräusch, das dem Sonntag nicht anstand. Aber als ich die Augen auf hatte, fiel mir die Bedeutung des Tages ein: es war Pfingsten, und in den rollenden Wagen fuhren die treten Firmlinge zur frühen Weihe.

Erwachsene und Kinder hatten seit drei Tagen über nichts anderes gesprochen als darüber, ob das Wetter halten würde. Nun schien die Sonne und in allen Gassen, auf allen Plätzen links der Salzach drängten sich die Einwohner zusammen mit den ländlichen Besuchern, auf dem Universitätsplatz und rings um die Residenz; aber auch im kostbaren geschlossenen Geviert des Domplatzes, der ohne die Stuhlreihen der Festspielzeit viel kleiner wirkt, waren die Buden aufgeschlagen, in denen alle Arten von Obst und Süßigkeiten verkauft wurden, und über die sich Ketten von bunten, stanniolumhüllten Herzen schwangen; daneben gab es heiße Würste und ohne Übergang Gebetbücher und Rosenkränze. Das beste Geschäft machten die Luftballonverkäufer. Auf den vielfarbigen Ballons waren Hunde, Katzen und Hähne zu sehen, auch an Lämmern fehlte es nicht und nicht am Guten Hirten, der das Kindlein segnet. „Zum Hl. Firmfest“ stand darüber. Mit den Ballons wurden die kleineren Geschwister getröstet, die an der Hand der Mutter, umgeben von der ganzen Verwandtschaft und den Neugierigen aus Stadt und Land, vor den Kirchen herumstanden. Am Portal des Domes und der Kollegienkirche hielten junge, strahlend fröhliche Geistliche in weißen Chorhemden über den Soutanen Wache. Sie prüften die vom unterrichtenden Pfarrer ausgestellten Firmzeugnisse, die einzig und allein zum Betreten der zur Firmung vorgesehenen Kirchen berechtigten – und einzig und allein die Firmkinder, Mädchen links, Buben rechts, mit den Firmpaten, durften das Kircheninnere betreten.

Die Farmkinder trugen Weiß, vom Kränzchen oder Krönchen im Haar, das nach altbewährter Sitte mit Zuckerwasser in stabile Korkzieherlocken gedreht war, bis zu Schuhen und langen Strümpfen; manche hatten Schleier und Kleidchen, die bis zum Boden reichten, und sahen aus wie kleine Bräute. Sie waren sich bewußt, die Protagonisten dieses Pfingstfestes zu sein. Die Buben trugen Schwarz mit weißen Sträußchen im Knopfloch und die ersten langen Hosen. Die meisten.kamen in Fiakern und offenen Autos angefahren, und da war nicht ein Fahrzeug, das nicht über und über mit Jasmin, Schneeballen und anderen weißen Blumen geschmückt gewesen wäre.

Um sieben Uhr früh war die erste Firmung, gegen neun saßen die Aufgenommenen schon in Kaffees und Konditoreien und aßen ernst und stetig viel Kuchen und Eis, indes die Kirchen zur Zehn-Uhr-Firmung sich bereiteten und die geschmückten Wagen aufs neue herbeirollten. Mittags setzte der Regen ein, die weißen Kleider der letzten, der Dreizehn-Uhr-Firmlinge, verschwanden unter Lodencapes und Igelitmäntelchen, und die Gartenwirtschaften stellten sich betrübt auf den nächsten Tag ein – die Firmungen gingen über Pfingstmontag und Dienstag. Die Firmlinge waren recht verschieden an Jahren; man sah Kinder, die kaum das Alter der ersten Kommunion erreicht zu haben schienen und daneben Vierzehn- bis Fünfzehnjährige. Aber es gab auch ausgewachsene Firmlinge, bei denen im richtigen Alter aus irgendwelchen Gründen die Firmung versäumt worden war, und aus sicherster Quelle verlautet, daß sich unter den Firmlingen des Pfingstsonntags sogar ein Großvater befunden habe. Der Großvater freilich trat nicht in Erscheinung. In Erscheinung traten immer und überall die Tausende weißer kleiner Gestalten, in Kirchen, Museen und Gasthäusern. Ihnen gehörte der Tag, ihnen gehörte die Stadt, dieses wunderbare Salzburg mit seinen Bergen und Schlössern, seinen Kirchen und Gassen und Höfen, dem grünen Fluß und dem ganzen seligen Überschwang seiner barocken Lebens- und Glaubenslust.