Von Marion Gräfin Dönhoff

Geschrieben zu Bagdad, im Mai

Eigentlich hatte ich mir geschworen, nie wieder eines dieser amerikanischen Taxis mit eingebautem Radio zu besteigen, die im Orient überall herumfahren, aber der Gedanke, von Aman nach Bagdad zu fliegen, schien mir sündhaft. Bagdad ist seit den Tagen, da jener sächsische Schriftsteller Karl May mit dem Band „Von Bagdad nach Stambul“ meine Phantasie beflügelte, für mich ein Ort von geheimnisvollem Zauber gewesen.

So saß ich denn im glühend heißen Aman, vor mir eine jener Auto-Karawansereien, in denen hochbeladene schwankende Busse, umgeben von Staubwolken-, ein- und ausfahren. Ich saß am Straßenrand und wartete. Um zwölf Uhr sollte das Gemeinschafts-Taxi, in dem ich den Sitz neben dem Fahrer gemietet hatte, starten. Doch längst war es zwei Uhr geworden. Die Koffer, die ich um mich versammelt hatte, waren mit einer dicken Staubschicht überzogen; ein paar Bakschich heischende Knaben hatten schon Grimassen darauf gemalt. Wo blieb das Taxi bloß?

Endlich nahte ein Fahrer, ein negroider dicker Boxertyp, ergriff meine Koffer, schnallte sie mit vielen anderen Koffern, Kisten und Kartons auf dem Dach seines Autos fest; ich stieg begeistert ein. Es war kein amerikanischer, sondern ein französischer Wagen, verhältnismäßig klein. Weiß Gott, wie er die 800 Kilometer Wüste überstehen sollte. Mein Sitzplatz am Straßenrand war übrigens ein Paradies gewesen, verglichen mit dem Platz in dieser durchglühten Blechbüchse. Und wieder ein langes Warten. Bis endlich der Dicke kam, die Tür aufriß und sich ans Steuer setzte. Wir brausten davon. Doch schon am Stadtanfang hielten wir an. Der Dicke verschwand in einem Haus und kam alsbald mit einem Tonkrug zurück, der mehr als einen Meter hoch und mit Trinkwasser gefüllt war. Diesen Super-Krug stellte er mir vor die Füße. Sollte ich wirklich dieses schwankende Ungetüm während der nächsten 14 Stunden festhalten müssen? Wir fuhren eine Stunde und landeten aufs neue vor der Karawanserei. Es war drei Uhr geworden, und jetzt nisteten sich auch andere Passagiere mit reichlich vielen Päckchen und Paketen im Fond des Wagens ein: ein ungewöhnlich dicker Herr mit Fez und einem Verdruß in der Hüfte, der ihn wie eine Ente watscheln ließ, ferner ein alter Mann mit Bart und Brille und weißem Kopftuch in arabischer Tracht, offenbar ein Scheich, ein Geistlicher; und schließlich ein unscheinbarer junger Bursche in langem Gewand. Endlich, endlich ging es los. Ich war gespannt, ob wir je ankommen würden.

Ja, wir sind angekommen, allerdings nicht nach vierzehn, sondern vierundzwanzig Stunden. Was für eine Reise! – Gleich am Stadtausgang von Aman der erste Stop: große Telefoniererei, lange Diskussionen mit den anderen Passagieren dann drehte der Wagen um und fuhr zurück. Unterwegs plötzlich wieder Stop, riesige Begrüßungsszene mit einem entgegenkommendenWagen, dem ein großer hagerer Mensch (der mit Effendi angeredt wurde) entstieg. Während unser Vehikel wieder den vorbestimmten Kurs einschlug, klemmte er sich zwischen den Fahrer und mich und – blieb dort für die nächsten vierundzwanzig Stunden sitzen! Das war ein harter Schlag. Wahrscheinlich wäre dieses Ölsardinen-Placement ganz und gar unerträglich geworden, wenn die Gesellschaft nicht alleweil einen Vorwand gefunden hätte anzuhalten; das verlängerte zwar die Reise, verminderte jedoch das Maß der Leiden. Gleich im ersten Ort, zwanzig Minuten hinter Aman, stiegen alle aus und tranken Kaffee, Im nächsten Ort verließen alle den Wagen, um einzukaufen. Und dann begann die unendliche Wüste. 750 Kilometer ... 750 Kilometer durch eine Öde, die erst graugelb und steinig, dann grauschwarz und steinig und schließlich nur noch gelber Sand war. Aber auch hier erwies meine Spekulation, wir würden ohne Aufenthalt erst einmal ein paar Stunden fahren, sich als komplette Illusion. Zuerst hielten wir mitten in der Wüste. – Diesmal auf Wunsch des dicken Herrn mit dem Fez, der sein Abendgebet verrichten wollte. Er breitete einen Teppich, den er mit sich führte, am Straßenrand aus. Gleich darauf gerieten wir in voller Fahrt in einen Heuschreckenschwarm; eines der gelbgrünen, surrenden und hopsenden riesigen Geschöpfe flog durchs Fenster in unseren Wagen und erzielte dort einen Effekt, den eine Fledermaus im Mädchenpensionat auslöst: Alle erhoben sich zugleich, alle kreischten, lachten und schrieen. Der Fahrer bremste so plötzlich, daß der Effendi und ich, die wir wie Hühner auf der Stange auf unserem zu engen Sitz balancierten, beinahe mit dem Kopf durch die Scheibe flogen. Eilends quollen alle aus der Blechbehausung, und dann begann der Fahrer seine Jagd auf das Ungeheuer. Das dauerte seine Zeit.

Eine halbe Stunde später erreichten wir im letzten Tagesschimmer den ersten irakischen Grenzposten. Ein Zelt und davor zwei wunderbar aussehende Männer mit blau-schwarzem Haar, langen roten schlafrockähnlichen Mänteln, die bis über die Knöchel reichten und die durch einen breiten Patronengürtel, in dem sichelförmige silberne Messer Stadien, zusammengehalten wurden. Auf dem Kopf trugen sie ihr malerisches Tuch, das bei Sandsturm, Kälte oder großer Hitze zum Schutz von Nasen, Hals und Gesicht jeweils zweckentsprechend drapiert wird. Einen Kaffee darf man niemals ablehnen, und so saßen wir bald wieder einmal einträchtig beieinander im Zelt und schlürften, von gestenreichen Gesprächen umrankt, unseren Mokka.