Von Walter A. Lopex

Jedesmal zu Pfingsten, wenn auf den Kanzeln die Botschaft des Heiligen Geistes verkündet wird, kommt die Erinnerung an ein seltsames Erlebnis in meinen Sinn zurück, an ein Gespräch, das ich vor vielen Jahren in Addis Abeba mit einem alten abessinischen Priester hatte. Ich will es wiedergeben, so wie es sich zutrug. Allerdings ist es notwendig, zu wissen, daß die Abessinier sich als das älteste christliche Volk, auf Erden betrachten.

Jedes äthiopische Kind kennt die biblische Legende von der jungen und schönen Königin von Saabah, jener Herrscherin des Hochlandes von Habesch (Habescha, Abeschinia), die über das Rote Meer fuhr zu König Salomon dem Weisen, um von ihm die Regierungskunst zu lernen. Als sie nach Jahresfrist in ihr Land zurückkehrte – so berichtet die abessinische Legende –, trug sie unter dem Herzen Salomos Kind, dem der König prophezeit hatte, daß sein Samen so lange über Abessinien herrschen würde wie Gottes Sonne über dem Lande leuchtet. Salomos Samen – das ist die Linie, die zurückgeht bis auf die Erzväter und weiterging bis Christus. Diese Prophezeihung hat sich seit jenen unvordenklichen Zeiten als wahr erwiesen: Haile Selassie, der gegenwärtige Kaiser der Könige Äthiopiens, nennt sich noch heute „ein Sproß aus dem Stämme Salomos, unbesiegbarer Löwe von Juda und Werkzeug der Heiligen Dreifaltigkeit“.

Historisch erwiesen ist, daß die Äthiopier bereits um das Jahr 300 durch einen alexandrinischen Mönch Frumentius zum Christentum bekehrt wurden. Abgeschlossen in ihrer afrikanischen Gebirgsenklave haben sie diesen ihren Glauben gegen Heidentum und Islam ringsum siegreich behauptet. Freilich ist es ein Christentum besonderer Art. Frumentius hatte den Abessiniern nur das Alte Testament und die Evangelien gebracht. Diese allein wurden die Grundlage des abessinischen Christentums. Was nicht in der Bibel steht, gilt nicht als christlich. Die Entwicklung der europäischen Kirche hat das abessinische Christentum nicht mitgemacht. Gegen die Kreuzzüge haben die Abessinier energisch protestiert, eine Aufforderung zur Beteiligung als ‚gottverlassen’ zurückgewiesen. Auch das Zölibat erkennen sie nicht an, weil es keine Forderung der Bibel sei und der Natur widerstrebe. Was aber der Natur widerstrebe, das sei auch unmöglich von Gott gewollt, denn Gottes Wille offenbare sich in der Bibel und in der Natur. Hierbei nun ist es oft recht interessant zu beobachten, wie die Abessinier Natur und Religion in Übereinstimmung bringen, auch dort, wo sich für uns lauter Widersprüche finden.

Das Gespräch, von dem ich berichten will, knüpfte an die Betrachtung eines jener merkwürdigen abessinischen Kirchenbilder an, die, nach den strengen Regeln der Malschule in Gondar gefertigt, der Kunstforschung noch heute ein weites Feld bieten. Mein priesterlicher Freund, ein würdiger Mann von etwa siebzig Jahren, und ich standen in einer abessinischen Rundkirche vor einem dreiteiligen Fresko. In der Mitte war der Sündenfall dargestellt: Adam, Eva und die Schlange, rechts die Vertreibung aus dem Paradiese, links jedoch fand sich das Seltsame: in einer Kirche, die im Durchschnitt angedeutet war, zwei stilisierte Gestalten, ein großer, greiser Abessinier, reich gekleidet, mit der Krone des Negus und einem Heiligenschein – offenbar Gottvater –, und neben ihm eine Frau, angetan in ganz derselben Art und wie Gottvater, mit gleicher Krone. Auf meine Frage, was diese weibliche Gestalt bedeute, erklärte mir der Priester: „Dies ist uns ein Symbol des Heiligen Geistes.“

Unwillkürlich entfuhren mir die Worte: „Also die Frau vom lieben Gott.“ – „Du sprichst“, erwiderte der Priester ruhig „wie ein Europäer. Wir wissen wohl, daß ihr das Symbol des Heiligen Geistes in einer Taube seht oder in einem flammenden Herzen. Wir dunklen Kinder Gottes können dem nicht folgen. Uns gleicht der Heilige Geist mehr der großen Mutter Erde und unserer Allmutter Natur...“

„Du siehst, mein Freund“, fuhr der Priester fort, „du und ich, wir wissen vielleicht um die tiefe Symbolik dieser Botschaft der Gläubigen“, und dabei schweifte sein Blick mit Nachsicht über eine Gruppe einfacher Bauern und Bäuerinnen, die gerade ein paar Ähren und Feldblumen auf dem Altar niedergelegt hatten und nun in stummem Gebet demütig davor standen, „sie verlangten nach einer einfach-verständlichen Antwort, wenn sie zu uns, den Priestern, kamen und fragten: ‚Was ist die Heilige Dreifaltigkeit? Wo in der Natur ist drei gleich eins? Ihr seid die Priester, ihr müßt es wissen, sagt es uns...‘ Und so mußten wir antworten, denn sie sind wie Kinder, die auch stets fragen: ‚Warum? Sage mir, warum?‘ – Und wenn wir es ihnen nicht verständlich gemacht hätten, dann hätten sie, nach Kindesart, gedacht, daß wir es selbst nicht wußten, und wir hätten ihr Vertrauen verloren. Da haben wir die Antwort dort gesucht, wo Gott sich offenbart hat: in der Natur und in der Bibel. Wir haben vielleicht einen Weg gefunden ... Christus – das weiß man – hat auf Erden gelebt; er ist Gottes Sohn; er ist eins mit Gott, weil er in Gott auf Erden wandelte und Gott in sich trug. Du siehst: Wenn Christus und Gott eins sind, dann bleibt die Heilige Zweieinigkeit übrig: Gott und der Heilige Geist. Es ist die Heilige Zwei in aller Natur, aus der Eins entsteht und die jede Eins auch in sich birgt...“ Und der alte Priester fuhr fort: „Wir sagten den Gläubigen: Gottvater ist der groß: Schöpfer, aber wie hätte er, in sieben Tagen oder sieben Millionen Jahren, das gewaltige Wunderwerk der Welt schaffen können, wenn er nicht einen ebenso großen, heiligen, weiblichen Geist neben sich gehabt hätte zur Schöpfung? Ihr wißt, daß es in der Schöpfungsgeschichte heißt: ‚Und der Geist Gottes schwebte über den Wassern.‘ Wer anders aber kann dieser Geist gewesen sein als der Heilige Geist, der große Odem unserer großen, heiligen Gottmutter und Allmutter Natur?“