Paris, Ende Mai

Die Stadt, in der zum ersten Male in der abendländischen Geschichte die Freiheit als politisches Programm verkündet und in der damals soviel Blut um sie vergossen wurde, ist während dieses Monats Schauplatz eines durchaus friedlichen Freiheitskampfes. Seit drei Wochen kreist das Interesse der Ritter des Geistes, deren es in Paris auch ohne die vielen Gäste aus aller Welt genug gibt, um die kaum zu bewältigende Fülle der Veranstaltungen. Sie finden unter den Auspizien des Congres pour la liberté de la culture statt: öffentliche Konferenzen und Debatten, an denen sich hervorragende Schriftsteller beteiligen, dann eine internationale Kunstausstellung und vor allem Opernaufführungen, Sinfonie- und Kammermusikkonzerte mit internationalen Programmen und Interpreten. L’oeuvre du XXème siècle ist der Titel dieser umfassenden künstlerischen Völkerschau, als deren Leiter Nicolas Nabokov zeichnet.

Schon am Anfang gab es mehrere bemerkenswerte Höhepunkte in der Flut musikalischer Ereignisse: den eklatanten Erfolg des „Wozzeck“ von Alban Berg, im Théâtre des Champs Elysées von Karl Böhm mit dem Orchester und Ensemble der Wiener Staatsoper dargeboten; ein Konzert Bruno Walters mit dem Orchestre du Théatre National de l’Opéra (Hauptwerk Mahlers „Lied von der Erde“); in der Oper das Konzert des Bostoner Symphonieorchesters (dessen Chef viele Jahre Karl Muck war) unter seinem nicht minder berühmten Leiter Charles Münch (Werke von Barber, Honegger, Piston); einen anderen Abend desselben Orchesters unter Pierre Monteux, zwei Vorstellungen des New York City Ballets in der Oper unter der choreographischen Leitung von George Balanchine (Ravel, Chabrier, Strawinsky, Hindemith); einen weiteren Abend dieser excellenten Truppe mit Werken von Prokofieff, Copland und Strawinsky, dirigiert von Strawinsky; endlich zwei Konzerte von Erneste Ansermet mit dem Orchestre de la Suisse Romande im Théâtre des Champs Elysées. Das ist nur eine Auswahl des Hauptsächlichen.

Es hat aber auch schon kleine Disharmonie gegeben, gewisse Einschränkungen des Begriffs der Freiheit. Zum Beispiel richtete Marc Chagall einen offenen Protestbrief an Balanchine, der bei der szenischen und kostümlichen Ausstattung von Strawinskys „Feuervogel“ offenbar zu frei mit Chagalls Entwürfen umgesprungen war und dessen Choreographie zu diesen Entwürfen nicht passen sollte. Das „geometrische Ballett“, Balanchines spezieller Stil, hat den Maler phantastischer Träume nicht angesprochen. Auf Chagalls Wunsch wurde darauf sein Name vom Programm gestrichen, aber auch (was wohl nicht seine Absicht gewesen war) der „Feuervogel“ vom Spielplan abgesetzt...

Anderseits nimmt sich hier auch das Publikum mehr Freiheit, als man es in Deutschland noch gewohnt ist. In der Soiree Schönberg-Strawinsky im Théâtre des Champs Elysées, wo Hans Rosbaud mit dem Opernorchester und den Chören der Radiodiffusion Française den „Ödipus rex“ und Schönbergs „Erwartung“ dirigierte, entzündete sich das Temperament einer Anzahl Besucher am Widerspruch gegen die szenische und figürliche Aufmachung von der Hand Jean Cocteaus. Als er, zugleich ja Autor des Textes, mit seiner Rezitation beginnen wollte, erschollen gellende Pfiffe. Aber die Unterbrechung dauerte nicht lange: Cocteau ersuchte mit weltmännischer Ruhe das Publikum, Strawinsky und ihm denselben Respekt entgegenzubringen, den sie beide mit der Gestaltung des Werkes dem Publikum gezollt hätten. Worauf es still im Hause wurde.

Im übrigen war dies ein eindrucksvoller Abend, nicht allein etwa durch den umstrittenen malerischen Anteil Cocteaus (er fügt diesem reifen Strawinsky tatsächlich eine unpassende primitivistische Note hinzu), sondern besonders durch die Substanz der musikalischen Objekte selbst. Schönberg ist in der Partitur der „Erwartung“ noch ganz der emotionelle, ausdrucksdurstige (pardon! –:) Romantiker, den er nachmals so bewußt abgestreift hat. Eine ausgezeichnete solistische Helferin hatte Rosbaud bei dieser Aufführung, die auch ihm verdienten Erfolg brachte, in Patricia Neway.

Strawinsky ist eingestandenermaßen der heimliche König dieser Musikwochen. Er wird als solcher auch vom Publikum anerkannt und demgemäß gefeiert. So bei dem Konzert mit dem Orchestre de la Société du Conservatoire, in dessen Mitte die erstaunliche Monique Haas die entzückende „Caprice pour piano et orchestre“ spielte, ein Stück, das (horribile dictu!) ganz echte Klaviermusik bietet, keinen Schlagzeugersatz. Am Anfang stand die „Symphonie en do“, am Schluß die „Symphonie en trois mouvements“. Alle drei Werke zeigen, wie Strawinskys Anlage und Neigung zum konzertanten Musizieren den Schlüssel bietet für seine unvergleichliche Fähigkeit, Kammermusik für großes Orchester zu schreiben. Es ist ein delikater Stil, zu dem er gefunden hat; wobei es sicherlich nicht von ungefähr ist, daß der längst abgeklärte, aber darum beileibe nicht traditionsfromm gewordene Revolutionär seiner Epoche sogar vor „Anklängen“ (an Mozart, Weber und noch einige andre) nicht zurückscheut. Er ist über das Stadium hinaus, wo dergleichen noch zu Fehlschlüssen (etwa Betrachtungen über eine gewisse Art von spätem „Umfall“ à la Chirico) führen kann. Irgendwie freilich wirken diese Grüße an die Vergangenheit doch in einem guten Sinne erheiternd, befreiend. Sie bestätigen die Verwandtschaft aller wirklich Schöpferischen miteinander über alle Entwicklungszäsuren hinweg.