Am 2. April 1952 ist in Bonn der Deutsche Produktivitätsrat gebildet worden, dessen Vorsitz der Bundesminister für Wirtschaft, Prof. Erhard, übernommen hat. Drei weitere Bundesminister, maßgebliche Persönlichkeiten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände und der Gewerkschaften gehören dem Rate an. Als Gäste wirken Amerikaner unter der Leitung des Chefs der MSA-Mission für Deutschland mit.

Die Anregung zur Bildung dieses Gremiums ist von amerikanischer Seite ausgegangen: Die nach Beendigung des Krieges einsetzenden Bestrebungen der Amerikaner, die industrielle Kapazität in den europäischen Ländern zu steigern, sollen nach Auslaufen des Marshallplanes erneut erheblich intensiviert werden. Es soll eine 25prozentige Steigerung der Produktion erreicht werden; das Ergebnis dieser Produktionssteigerung soll allen Beteiligten, also den Unternehmern, den Arbeitnehmern und den Verbrauchern, zugute kommen.

Um diese große Aufgabe durchzuführen, ist der Produktivitätsrat gebildet worden. Der Rat hat gleich in seiner ersten Sitzung beschlossen, einen Arbeitsausschuß zu bilden, dem Vertreter der in Frage kommenden Organisationen und leitende Beamte der zuständigen Bundesministerien angehören. Auch in diesem Ausschuß werden Vertreter der MSA mitarbeiten. Dieser Arbeitsausschuß wird Unterausschüsse für solche Arbeitsgebiete einsetzen, für die zentrale Organisationen nicht vorhanden sind. Soweit dagegen solche Institutionen bereits bestehen, wie das Rationalisierungs-Kuratorium der Deutschen Wirtschaft, werden diese Einrichtungen die Aufgaben durchführen. Es soll zunächst nur ein hauptamtlicher Geschäftsführer eingesetzt werden, der sich bei seinen Arbeiten auf vorhandene Büros bestehender Organisationen stützt.

Die Ausdehnung des Produktivitätsrates auf die bisher noch nicht in ihm vertretenen Zweige der Wirtschaft ist bereits angekündigt: Handel, Handwerk, Verkehrswesen sowie Land- und Forstwirtschaft sollen alsbald zur Mitarbeit eingeladen werden. Die großen Organisationen des Handels haben bereits bedauert, daß sie nicht von Anfang an zur Mitarbeit im Produktivitätsrat aufgefordert worden sind. Nichts ist erfreulicher als diese Ungeduld, an den Aufgaben des Rates mitarbeiten zu können. Selbstverständlich werden auch Frauen, sowohl als Vertreter der Verbraucher als auch, der Hauswirtschaft, im Produktivitätsrat mitarbeiten müssen.

Das Arbeitsprogramm, das der Produktivitätsrat zunächst aufgreifen will, hat der Rat in seiner Verlautbarung bereits umrissen. Zunächst sollen alle Maßnahmen gefördert und erheblich verstärkt werden, die auf dem Gebiet der Rationalisierung schon angelaufen sind. Ferner sollen bestimmte Betriebe ausgewählt werden, deren Unternehmer und Betriebsräte für die Fragen der Produktionssteigerung ein spezielles Interesse zeigen, und die zu besonderer und vorbildlicher Leistungssteigerung angeregt werden sollen, unter Umständen auch mit Hilfe von Krediten. Berufsausbildung und Nachwuchsschulung will der Rat mit besonderem Nachdruck fördern, ebenso die wirtschaftsnahe Forschung.

Eine wichtige Frage greift der Rat auf, wenn er die Lohnfrage in seinem ersten Programm erwähnt. An dem Erfolg der Produktionssteigerung muß der Arbeiter angemessen beteiligt werden. Aber auch die Verbesserung der Lohnsysteme sowie die Förderung der betrieblichen Sozialpolitik im Hinblick auf die notwendige Produktionssteigerung muß erreicht werden. Viele Arbeiter und vor allem Angestellte verdienen heute noch so wenig, daß sie sich nur das Nötigste zum Leben beschaffen können. Andererseits gibt es aber schon Facharbeiter, denen eine Lohnerhöhung kaum mehr einen starken Anreiz zu bieten vermag. Es gilt, neue Wege zu finden, die alle veranlassen, freudig in den Betrieben zu schaffen; das ist wahrlich ein Programmpunkt, an dessen Lösung die Besten der Nation mitarbeiten sollten.

Entscheidende Neuerungen auf dem Gebiet des Kredit- und Steuerwesens sehen viele als eine zwingende Voraussetzung für eine allgemeine Produktionssteigerung an. Es sollte jedoch niemand nur von dieser Seite aus Erfolge erwarten. Verständlich ist es, wenn die Finanzminister in der Bundesrepublik sorgenvoll alle Erörterungen über die Änderung der Steuergesetzgebung beobachten. Denn niemand kann ihnen die Verantwortung für den Ausgleich der öffentlichen Haushalte abnehmen. Andererseits aber ist nicht zu leugnen, daß die Steuergesetze in ihrer jetzigen Form Rationalisierung und Produktionssteigerung hemmen.