Es hat wohl keinen Zweck, sich immer wieder mit den unerfreulichen Verhandlungen zu beschäftigen, die das Hintergründige der Auf- und Abstiegspiele des Deutschen Fußball-Bundes erhellen sollten. Licht ist in das Dunkel nicht gebracht worden. Das einzige, was von der ganzen Fußball-Skandalgeschichte übrig blieb und mit 10 000 DM Strafe bedacht wurde, war die Tatsache, daß nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein kann.

Man täte dem deutschen Fußballsport Unrecht, wollte man behaupten, nur in ihm sei nicht alles in Ordnung. Die Richtung im deutschen Sport ganz allgemein ist falsch. Wenn zum Beispiel auf dem letzten Rheinischen Kunstturntag zu Krefeld drei unserer besten Männer wegen einer ihnen nicht genehmen Schiedsrichterentscheidung in den „Streik“ traten und mit dieser ihrer undisziplinierten und ganz unsportlichen Haltung sogar Erfolg hatten (die umstrittene Wertung wurde nachträglich korrigiert), so zeigt das, daß auch sogar einige Turner schon von dem unseligen Geist angekränkelt sind.

Viele Beobachter sind geneigt, die Schuld an den trostlosen Zuständen, die heute vielfach auf dem Gebiet der deutschen Leibesübungen herrschen, auf turbulente Zeiten oder die (angebliche) Verwilderung der Jugend zurückzuführen. Das trifft in keiner Weise zu. Weder sind die Zeiten turbulent, noch ist die Jugend von heute etwa schlechter als die Jugend von einst. Die Jugend hat nicht das geringste mit den vielen Skandalen rund um die Spielfelder und in den Vereins- und Verbandsbüros zu tun. Sagen wir es offen: es ist das Problem der Führung, das endlich gelöst werden muß.

Will man zu anständigen Verhältnissen zurückkommen, nützt es nichts, etwa die öffentlichen Gerichte zu bemühen, die vielleicht den einen oder den anderen Fall aufklären könnten. Denn ein Geschwür ausbrennen bedeutet noch lange nicht eine allgemeine Heilung. Man muß radikal Schluß machen mit der Herrschaft der Mittelmäßigen, die sich allerorts breit macht; man muß die Unfähigen nachdrücklich auffordern, ihre Präsidentensessel und Vorstandsstühle, ihre Plätze in den Ausschüssen und Beiräten zu räumen. Und mit ihnen schicke man auch gleich all jene Manager, Betreuer, Mannschaftsführer Equipenchefs und Chef; de mission fort, die nur Tagesspesen schinden und ein schönes (Reise-)Leben führen wollen, selbstverständlich auf anderer Leute Kosten.

Die vielen skandalösen Vorfälle der letzten Zeit sollten für die verantwortungsbewußten Sportführer – deren es gottlob noch eine ganze Anzahl gibt – Veranlassung zu einer sehr strengen Überprüfung aller ihrer Helfer sein. Die Sportführer sollen ja vor allem als Erzieher wirken. In Adalbert Stifters „Selbstcharakteristik“ kann man den schönen Sitz lesen: „Zum Unterricht... darf man nur etwas wissen, zur Erziehung muß man etwas sein.“ Uns fehlen heute allerorts im Sport Menschen, die wirklich etwas sind und nicht nur etwas zu sein scheinen; uns fehlen – mit einem Wort – Persönlichkeiten.

Wir sind früher wirklich verwöhnt

worden. Denken wir nur an Männer wie Goetz und Dominicus (Turnen), Demmler (Leichtathletik), Erkrath de Bary (Fechten), Büxenstein und Rupert! (Rudern), Dr. Busley (Segeln), Hueppe (Fußball), v. d. Meden und Weber (Tennis), Evers (Hockey) – um diese wenigen zu nennen –, und uns wird so recht der Unterschied zu den heutigen Zuständen klar. Denken wir vor allem an einen Mann wie Dr. Theodor Lewald, den langjährigen Präsidenten des Deutschen-Reichsausschusses für Leibesübungen. Könnte man sich vorstellen, daß einer dieser Männer so geschmacklos gewesen wäre, den für die Betreuung der Leibesübungen verantwortlichen Minister auf einer gesellschaftlichen Veranstaltung, auf dem sie beide Gast waren, so plump zu attackieren, wie es Anfang dieses Jahres bei einer Sportjournalisten-Tagung von Seiten eines Verbandsführers mit Dr. Lehr geschah? Ist es vorstellbar, daß einer dieser Männer seinen Vereinen den Rat gegeben hätte, die ordentlichen Gerichte anzurufen, wenn etwas faul in seinem Staate gewesen wäre, anstatt selber für Ordnung und Sauberkeit zu sorgen? Hätte einer von ihnen es geduldet, daß in dem offiziellen Mitteilungsblatt seines Bundes das Inserat zweier ausländischer Sportler erschienen wäre, die ihre Trainerdienste den lieben Deutschen anbieten und dabei so bescheidene Ansprüche wie 5000 DM Monatsgehalt neben freier Unterkunft und Verpflegung in der Bundesrepublik stellten, und daß der betreffende Bund sogar noch seine Verbände auffordert, ihm ein eventuelles Interesse an diesem lächerlichen Angebot mitzuteilen?