Von Marion Gräfin Dönhoff

Istanbul, Ende Mai

Wenn man aus den arabischen Ländern kommt, erscheint einem Istanbul ganz europäisch. Und auch die Türken wirken ganz vertraut – vielleicht besonders für uns Deutsche. Nicht nur, weil alles Deutsche hier sehr hoch im Kurse steht, das ist auch in den arabischen Ländern der Fall, sondern einfach deshalb, weil gewisse Ähnlichkeiten zwischen den Deutschen und den Türken bestehen. Beide Völker haben offenbar ein stark ausgeprägtes Gefühl für Formalismus und Würde, beide sind häufig ohne Humor, mit einem gewissen Sinn für das Tragische und einen ausgesprochenen Hang zum Monumentalen.

Monumental seit Atatürk

Monumental wirkt vor allem die von Kemal Atatürk neugegründete Hauptstadt Ankara mit ihren riesigen Ministerien und öffentlichen Gebäuden, die von ferne ein wenig an den Stil des Dritten Reiches erinnern. Manchmal fragt man sich, warum sie wohl so überdimensional groß sind; das noch nicht vollendete Neue Parlament soll angeblich in der Größenordnung zwischen den Parlamenten von London und Washington liegen. Wenn man durch die riesigen Gebäude schreitend, auf der Suche nach irgendeiner Auskunft, immer neue Abteilungen und immer mehr Beamte entdeckt, gewinnt man den Eindruck, daß der Bürokratismus wahrscheinlich ein sehr hervorstechendes Merkmal dieses Landes ist.

Dieser Verdacht bestätigte sich, als ich eines Tages einen erschöpften Bekannten traf, der gerade vom Zollamt kam. Er hatte das Pech, daß eine treusorgende Seele in Deutschland ihm Medizin geschickt hatte. Es war ein Päckchen. Jeder Eingeweihte in der Türkei weiß, was das bedeutet und verweigert grundsätzlich die Annahme. Jener Uneingeweihte aber hatte sich nichtsahnend auf das Zollamt begeben, war von einer Stelle zur anderen gewiesen, überall aufs freundlichste aufgenommen und jeweils mit einem Kaffee bewirtet worden und schließlich nach Verlauf von vier Stunden und nach Absolvierung von elf verschiedenen Stellen beim Direktor geendet. Dieser, auf Ehre und Gewissen befragt, meinte: ja, es ginge natürlich, aber es werde etwa drei Wochen dauern. Und so entschloß sich denn der Uneingeweihte, es den Eingeweihten gleichzutun und das Päckchen zurückgehen zu lassen.

Man schätzt, daß es in der Türkei etwa 400 000 Beamte und Staatsangestellte gibt. Und das ist bei einer Bevölkerung von 21 Millionen, die zu 80 v. H. von der Landwirtschaft leben, nicht eben wenig. Allerdings muß man dabei bedenken, daß ein großer Teil der Industrie staatlich ist. Die ganze Schwerindustrie, fast alle Papierfabriken, große Teile der Textil-, Brauerei- und chemischen Unternehmen gehören dem Staat. All diese Fabriken beschäftigen natürlich einen sehr großen Beamtenapparat. Die verschiedenen Industriegruppen unterstehen überdies einzelnen staatlichen Banken, und diese werden wiederum durch eine Extrabehörde in Ankara kontrolliert.