Von E. P. Michalek

Sein Leben, trotz all seinem abwegigen Eigensinn, besaß eine gewisse anachronistische Folgerichtigkeit ...“ Das klingt wie ein Nachruf, obwohl es doch. keiner sein kann. Denn Bertrand Russell, dem dieser-Satz gilt, scheint so lebendig wie eh und je: erst vor wenigen Tagen sprach er zu seinem 80. Geburtstag im Londoner Rundfunk, und heute schreibt, er vermutlich an seinem nächsten Buch, es mag das einundfünfzigste sein. Trotzdem ist es aus einem Nachruf. Denn da der Philosoph wohl, glaubt, über Russell wüßte am besten Russell Bescheid, hat er zu Lebzeiten selber schon einen geschrieben. Aber soll man Russell einen Philosophen nennen, ihn, der von der Philosophie sagt, sie sei das, war wir nicht wissen? Also dann wäre „ein großer Philosoph ein Mensch, der vieles nicht weiß ...“ Bleiben wir also bei dieser Benennung und wär’s nur darum, damit Russell einmal unrecht hat.

Das alles klingt ziemlich paradox, aber: vor wenigen Tagen wurde ja auch ein Paradoxon achtzig Jahre. Der brillanteste Prosaschreiber des modernen England – er mißtraut der Sprache so sehr, daß er sie als Instrument der Erkenntnis verwirft. In den drei Bänden der „Principia Mathematica“, die Russell ab 1910 mit Whitehead zusammen herausgibt, ist der Titel fast das einzige wichtige Wort; alles andere sind mathematische Zeichen: sie dienen einem bahnbrechenden logischen System, der Logistik: nach mehr als 2001. Jahren wird Aristoteles, der „Vater der Logik“, revidiert.

Dieser Ruhm hätte Russell genügen können, doch er ist keine „Formel auf zwei Beinen“ – wie manche, spotten –, er schreibt weiter, Buch für Buch, mindestens eines pro Jahr. Und er schreibt – diesmal in Prosa. Über alles: Ethik, Erziehung, Gesellschaftslehre, Beziehungen der Geschlechter, Religion, Politik. Und gegen alles: Traditionen, Dogmen, Autoritäten. Der Weg von der Logik zur Politik ist weit, doch Russell geht ihn tatsächlich, wie er’s in seinem verfrühten Nekrolog sagt: eigensinnig, folgerichtig – und ein wenig anachronistisch.

Russell hält Metaphysik und Spekulation für absurd, ja, für gefährlich. In seiner eigenen Erkenntnistheorie wird nur die Mathematik und das, was wir unmittelbar sehen und hören, nicht angezweifelt. Die Erfahrung triumphiert. Und genau wie bei dem Engländer Locke triumphieren bei dem Engländer Russell mit der Empirie zugleich Freiheit und Toleranz. Hier ist seine „gute Philosophie“: die Erfahrung als Quelle und der Beweis als Autorität führen zu liberaler Haltung. Seine „schlechten Philosophen“ sind vor allen andern Nietzsche (er „führt zu Hitler“) und Hegel (er „führt zu Stalin“). Im Negativen ist Russell manchmal sehr unkompliziert.

Beim Positiven wissen seine Kritiker das nicht so sicher. „Liberal“ ist ein gern gehörtes Wort. Aber Russell macht ernst damit; er fängt schon bei den Kindern mit Freiheit und Toleranz an. Ein eigenes Schulheim wird eröffnet: Unterrichtsbesuch ist freiwillig, wenn’s warm ist, laufen alle nackt. Eines Tages kommt Inspektion. „Good God!“ ruft eine Beamtin, als sie auf ein unbekleidetes Mädchen stößt. Ruhig antwortet das neunjährige Kind: „There is no God.“ So Ernst macht Russell mit seiner Auffassung von Liberalität, und immerzu wirkt er wie ein enfant terrible, ob er nun freie Liebe oder soziale Umwälzung propagiert. Der Nobelpreis überraschte ihn selbst wahrscheinlich am meisten.

Sein Ziel bleibt happiness, aber er selber bleib: nie stehen, weder in seiner „guten Philosophie“, noch in der „guten Politik“, die daraus resultiert. Dort durchläuft er viele -ismen; hier ist er Sozialist, und kann doch gleichzeitig von sich sagen: „Ich bin ein englischer Whig.“ 1916 geht er als Pazifist ein halbes Jahr ins Gefängnis; 1952 fordert auch er bewaffnete Verteidigung, falls sie nötig ist, um eine einheitliche Weltregierung zu schaffen. In einem Punkt allerdings ändert er sich nicht: er gibt dem Denken und Planen, kurz, der Philosophie eine Chance – „jedenfalls nach dem nächsten Krieg“.

Russell ist Optimist, auch wenn er sich selber einen Ritter des frohen Pessimismus nennt. Vielleicht kann man ihn am ehesten mit Leibniz vergleichen: der eine erdachte die Anfänge der Logistik, der andere machte ein bisher unübertroffenes System daraus. Und was hält der englische Leibniz von der Lehre, daß unsere Welt die beste aller möglichen Welten sei? Vor wenigen Jahren stürzte Russell mit dem Flugzeug in die norwegischen Küstengewässer ab. In Eiseskälte schwamm er an Land und hatte – wie er sagt – nur den einen Gedanken: „Well – well.“