Wenn wir recht entschlossen sind, im eigenen Betrieb zu untersuchen, wie und wo eine Leistungsverbesserung möglich sei, werden wir sehr bald feststellen, daß wir vor lauter Hemmungen nur langsam vorankommen. Wir sollten uns daher hinsichtlich der Beurteilung der eigenen Betriebsverhältnisse nicht nur auf uns selbst verlassen, sondern uns des Rates erfahrener Experten bedienen, die gegen den Vorwurf der Betriebsblindheit a priori gefeit sind. Bedauerlicherweise haben wir indessen bei weitem nicht so viele geeignete Sachverständige, wie erforderlich sind, um auf breiter Basis Betriebsuntersuchungen durchzuführen. Es empfiehlt sich daher, einen anderen Weg zu gehen, der uns bereits vor vielen Jahren, als wir uns (1928) unter ähnlichen Verhältnissen mit ähnlichen Fragen zu beschäftigen hatten, auch ohne Zuhilfenahme betriebsfremder Spezialisten auf schnellstem Wege zum Ziele führte.

Wir haben uns damals die Frage vorgelegt, ob es nicht möglich sei, die uns beschäftigenden Probleme genau so gut oder gar besser im Wege der Selbsthilfe, durch Einrichtung eines großzügigen Erfahrungsaustausches zwischen befreundeten Firmen, zu lösen. Wir haben diese Frage positiv beantwortet und uns daraufhin im Werkzeugmaschinenbau zu einer kleinen Firmengruppe (6 bis 8 Firmen) zusammengeschlossen, um uns in allen kaufmännischen und technischen Fragen, die unsere Betriebe betrafen, gegenseitig so zu helfen und zu beraten, daß wir auch ohne fremde Hilfe mit unseren Problemen aus eigener Kraft fertig werden konnten.

Diese Zusammenarbeit vertiefte sich im Laufe der Zeit so sehr, daß wir in unseren Zusammenkünften, die abwechselnd in den verschiedenen Werken stattfanden, wirklich alles besprechen konnten, was in bezug auf kaufmännische und technische Angelegenheiten von Bedeutung war.

Es ist klar, daß eine solche Einrichtung nur dann einwandfrei funktionieren kann, wenn die Zusammenarbeit von gegenseitigem Vertrauen getragen ist, wenn jeder weiß, daß seine eigenen Belange von allen Mitgliedern seines Erfa-Kreises bestens gewahrt werden und daß vor allen Dingen mit vertraulichen Angelegenheiten kein Mißbrauch getrieben wird. Wenn diese Voraussetzungen aber gegeben sind, gibt es meiner Ansicht nach nichts, was schneller, billiger und wirksamer eingerichtet werden könnte, als ein zwischenbetrieblicher Erfahrungsaustausch. Denn hier finden wir ohne besondere Umstände die Möglichkeit, etwa auftretende Rationalisierungsprobleme in unmittelbarem Austausch mit befreundeten Firmen zu besprechen, uns am praktischen Beispiel anderer Betriebe zu orientieren und uns dadurch vor Mißerfolgen zu bewahren, wie sie in der Regel bei Anwendung neuer Arbeitsmethoden und bei Beschaffung neuer Einrichtungen an der Tagesordnung sind.

In bin fest davon überzeugt, daß es allen denen, die daran interessiert sind, genau so gehen wird wie es uns seinerzeit ergangen ist. Daß wir uns nämlich nach kurzer Anlaufzeit nicht mehr vorstellen konnten, wie wir auf diese Möglichkeit eines Austausches von Wissen und Erfahrung, auf diese Gelegenheit eines praktischen Anschauungsunterrichtes so lange hatten verzichten können. Es ist sehr schwer, alteingewurzelte Hemmungen loszuwerden, aber wie so oft gilt auch hier das alte französische Sprichwort: „Ce n’est que le Premier qui coûte“. Ich bin sicher, daß alle diejenigen, die sich entschlossen haben, mit dem Erfahrungsaustausch einen ernsthaften Versuch zu machen, sich meiner Auffassung von dem hohen Wert dieser Einrichtung anschließen werden.

Eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg des Erfahrungsaustausches liegt darin, daß die in einer Gruppe zusammengeschlossenen Firmen persönlich und sachlich einigermaßen zueinander passen müssen. Das heißt nun nicht etwa, daß man sich nur mit gleichgearteten Firmen zusammenstießen müßte. Es ist vielleicht sogar besser, wenn man im Anfang nicht unmittelbar mit seinen Konkurrenten Erfahrungsaustausch zu treiben sucht, sondern sich in seiner Branche nach Firmen umsieht, die unter ähnlichen Betriebsverhältnissen zu arbeiten haben.

Wichtig ist natürlich auch, daß man zu einem vorbehaltlosen Erfahrungsaustausch bereit ist, d. h. daß man nicht nur von den Erfahrungen seiner Freunde zu profitieren sucht, sondern auch gewillt ist, seine eigenen Erfahrungen jederzeit zur Verfügung zu stellen. Das kann man um so eher tun, als man dabei im Grunde genommen immer ein gutes Geschäft macht, weil man ja für die Nutznießung der gesammelten Erfahrungen seiner Freunde nichts als den eigenen Beitrag anzubieten braucht.

Der beste Beweis für die Richtigkeit der von mir vertretenen Auffassung liegt meines Erachtens in der Tatsache, daß auf Anregung des RKW bereits zahlreiche Firmen (500 bis 600) zum Erfahrungsaustausch übergegangen sind und zweifellos dabei verharren werden. Es ist daher von größler Bedeutung für ein schnelles Ingangkommen der praktischen, Rationalisierung unserer Wirtschaft, daß sich möglichst bald in Anlehnung an RKW-Bezirksgruppen, an die Kammern oder andere geeignete Organe der Selbstverwaltung der Virtschaft weitere Kristallisationszentren für die Schaffung von Erfahrungsaustauschgruppen bilden, und daß es auf diese Weise möglich wird, alle diejenigen, die es mit der Leistungssteigerung unserer Wirtschaft ernst meinen, zu einer großen Erfahrungsgemeinschaft zusammenzuschließen.