Die Naturschutzvereine wehren sich gegen dieFernseh-Masten, die auf sieben Hügeln Zwischen Hamburg und Köln und auf einigen anderen Hügeln zwischen einigen anderen deutschen Städten aufgerichtet werden sollen. Den „Kampf um die Gipfel“ nennen die verantwortlichen Herren des NWDR ihre Auseinandersetzungen mit den Freunden der Natur, die sie als „rückständig“ empfinden.

Die Freunde der Natur werden den Kampf verlieren, und ich habe deswegen Mitleid mit ihnen. Die Natur nämlich hat Millionen Menschen aus der Großstadt Erholung gegeben und sie zur Besinnung gebracht; das Fernsehen aber muß erst noch beweisen, ob es zu diesen Leistungen fähig ist. Und Vokabeln wie „rückständig“ oder „fortschrittlich“ in den Reden der leitenden Männer des Fernsehsenders können das Mißtrauen gegen das unaufhaltsame Fernsehen eher stärken als mildern: denn ich gestehe gern, daß ich beide Vokabeln für Kategorien des ausgehenden 19. Jahrhunderts halte, die keine Wirklichkeit, sondern Phantome eines positivistischen Denkens aussagen.

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Aber das Fernsehen kommt: die Zeit ist reif für eine tiefe Veränderung der Menschen, von denen die meisten ohnehin durch zwei Weltkriege, die sublimeren Naturen unter ihnen sogar schon: durch Nietzsche und Kierkegaard erschüttert wurden. Und der Intendant des Hamburger Fernsehsenders, Dr. Pleister, hat wohl auf diese kommende Veränderung hinweisen wollen, als er sagte: „Wir wollen die Zuhörer aktivieren...“ und: „das Gesicht der Familie verlebendigen.“ Denn: „Das Fernsehen ist die Kunst des Intimen.“

Mag sein, daß das Fernsehen die Kunst des Intimen ist. Das Fernsehbild ist ja vor allem auf die Großaufnahme angewiesen; es muß, soll es eindringlich werden, das einzelne menschliche Gesicht zeigen – photographieren bis in seine letzten Intimitäten. Aber diese Intimität hat auch ihre Gefahren. Es haben ja vor den Fernseh-Leuten schon die Maler die Gesichter der Menschen in ihren Porträts oft bis in die letzte Falte entlarvt. Der Unterschied ist freilich, daß sie malten, also eine künstlerische Verdichtung schufen, die sich im Formalen einer ästhetischen Kategorie unterwarf. Und gerade deswegen darf, was dem Künstler recht ist, dem Fernseh-Kameramann. noch lange nicht billig sein. Die intime Aussage ist überhaupt nur im Bereich der Kunst möglich, wenn sie nicht peinlich werden soll.

Dennoch – gerade wegen dieser Möglichkeiten im Bereich des Intimen – liegt im Fernsehen auch eine Hoffnung: Es wird schwer sein, in der ständigen Großaufnahme Schablonen zu bringen. Die Kamera beobachtet zu lange das einzelne Gesicht (obwohl das Hamburger Studio, stolz auf sein fein differenziertes 625-Zeilen-Bild, immer noch viel zu viel Personen auf einmal ins Bild bringt). Und wenn es Schablonen sind, dann werden es ehrliche Schablonen sein – will sagen: das hübsche Mädchen, das vor der Fernsehkamera mit einem Schablonegesicht auftritt, hat auch wirklich eins, was man von vielen Filmstars durchaus nicht ohne weiteres annehmen darf. So kann die Ehrlichkeit eine Grundkategorie des Fernsehens werden – freilich auch das, was im Jargon der Fachleute eine „Masche“ heißt.

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