Untersuchungen der Hafenbautechnischen Gesellschaft in Bremen und Hamburg haben sich seit 1949 wiederholt mit der mangelnden Abstimmung technischer Anlagen des Güterumschlags auf ihren praktischen Verwendungzweck beschäftigt. Beim Kranbau hatte sich schon vor dem Kriege herausgestellt, daß z. B. ihre Ausstattung mit starken 50 PS-Motoren zum beschleunigten Heben von 3-t-Lasten in keinem wirtschaftlichen Verhältnis zur überwiegenden Menge von Gütern steht, deren Gewicht noch unter 1,5 t bleibt, wobei einfache Vorgelege diese Hebeleistung (mit viel kleinerem Motor) bedeutend steigern können. Zwar beschleunigen starke Motore die Hebegeschwindigkeit; in der Praxis ist diese aber kein wesentlicher Arbeitsfaktor.

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Trotzdem setzte hier der „technische Fortschritt“ ein; mit wunderbaren elektrischen Schaltungen und selbsttätigen Steuerungen, womit etwa Eierkisten ganz sanft angehoben werden und den Rest des Weges dann unter dreifacher Beschleunigung zurücklegen. Ebenso wurden die Rückführung des leeren Kranhakens und die Drehbewegung des Krans erheblich beschleunigt – und dadurch so kompliziert und verteuert, daß der Anschaffungspreis von (1914) etwa 15 000 RM auf (1938) rund 60 000 RM und auf 150 000 bis 200 000 DM heute anstieg: ohne daß der „Fortschritt“ zu einer höheren. Umschlagsleistung führte. Denn die Konstruktion hat keine Rücksicht auf die Umstände der praktischen Kranarbeit genommen, die z. B. auf durchschnittlich 1500 Stunden mit 15 000 t im Jahr begrenzt ist, wobei die Leistung des Krans von der Zeit bestimmt wird, die für das Fertigmachen und Anschlagen der Last im Schiff und für die Abnahme der Last an Land gebraucht wird. Der Güterumschlag vollzieht sich also „im Taktverfahren“, so daß es nutzlos ist, den „Takt“ der Kranarbeit allein zu beschleunigen. Deshalb weisen die modernen Kräne mit all ihren technischen Verfeinerungen keine höheren Arbeitsleistungen auf als selbst die ehrwürdigen Konstruktionen von 1888 oder von 1905. Wirkliche Beschleunigungen und Vereinfachungen ergaben sich aus der Übernahme des englischen Wippsystems, wozu sich der deutsche Kranbau aber erst mit einer Verspätung von 30 Jahren allgemein entschloß. Der... „technische Fortschritt“ hat sich im übrigen auf diesem Gebiet lediglich als kostensteigernd erwiesen.

Die Kritik am „technischen Fortschritt“ kann sich nicht mit der Feststellung dieses Einzelfalls begnügen. Das Verhalten der Kran-Konstrukteure kann beinahe als typisch gelten. „Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun“ – das kann (und nicht nur in der Technik!) ein gefährlicher Holzweg sein. Mehr als in den anderen Industrieländern ist der „Qualitätsbegriff“ die Grundlage deutscher Arbeit. Bei einer Verselbständigung der technischen Qualität ohne ihre Abstimmung auf die Umstände des Verbrauchers und was immer sonst die Wirtschaftlichkeit noch für Faktoren enthalten mag, ist die technische Qualität aber kein Positivum, sondern kann: sogar zu einem Negativum werden. Auf allen Gebieten technischer Fertigung hat der Trend vom Komplizierten zum Vereinfachten – was im großen, und ganzen dem Übergang von der Handarbeit zur Maschinenarbeit entspricht sich in den letzten Jahren umzukehren begonnen. Unter dem Streben nach Leistungssteigerung ist die Maschine komplizierter und in jeder Hinsieht teurer geworden, wobei sich die Anzeichen mangelnder Übereinstimmung zwischen Investition und Wirtschaftlichkeit mehren.

So erfordern kompliziertere Maschinen neben dem höheren Anschaffungspreis auch höhere Löhne für besser ausgebildete Bedienungen, sowie höhere Betriebskosten, und sie erfordern für ihre optimale Ausnutzung, also für ein allgemein höheres Produktionsniveau, außerdem gesteigerte Vorlieferungen und Nacharbeitungen, gesteigerten Vertrieb und den erhöhten (Massen-)Absatz ihrer speziellen Produkte. Ehe die Leistungssteigerung der Produktion durch „bessere“ Maschinen vorgenommen wird, müssen demnach alle Komponenten der Produktion: die wirtschaftlichen, kaufmännischen, berufs- und betriebstechnischen und die ergänzenden maschinellen Faktoren – auf eine höhere Leistung gebracht werden können. Schon die Nichterfüllung einer einzigen Voraussetzung für die Verwendung besonders hochwertiger technischer Hilfsmittel kann das Gesetz vom Minimum („eine Kette ist nur so stark, wie ihr schwächstes Glied“) zur Geltung bringen, und die ganze Anlage zur Fehlinvestition machen.

Hinzu kommt, daß der technische Fortschritt im eigenen Fertigungsbereich oder bei konkurrierenden Produktionslinien sowie die immer schneller wechselnden Verbrauchstendenzen („modischen Linien“) die Zweckmäßigkeit langer Lebensdauer (mit „billiger“ Amortisation) auch bei technischen Anlagen in Frage stellen. Im allgemeinen ist ferner hohe Maschinenleistung mit hohem Verschleiß verbunden, wobei komplizierende Ausstattungen die Gefahr mangelhafter Bedienung und Wartung erhöhen und schließlich äußere Umstände, wie ungünstiges Klima oder die Folgen ungünstiger Verkehrsverhältnisse (z. B. für Reparaturen), zum schnellen Verschleiß beitragen können. Die sich häufig ergebenden Widersprüche zwischen technischen, wirtschaftlichen und betrieblichen Bedingungen stellen an den Konstrukteur besondere Anforderungen: er muß als Arbeitstechniker, Betriebswirtschaftler, Kaufmann und Volkswirt „mit“-denken.

Mit der Fülle technischer Entwicklungen ist eben die Gefahr gewachsen, daß die Konstruktion technischer Hilfsmittel „Leistungswunder“ und „Schauobjekte“ herausbringt, die durch modernste Lösungen und durch die Möglichkeiten von Höchstleistungen brillieren, während ihre Gebrauchsfunktion doch nur ein Bruchteil ihres technischen Aufwandes erfordert. Das trifft vor allem auf technische Konsumgüter zu, wo der „Fortschritt“ und die „Leistung“ als gesonderte psychologische Verkaufsanreize dienen, die mit ihrem eigentlichen Gebrauch aber nicht mehr viel zu tun haben. Rundfunkgeräte sind z. B. so „leistungsgesteigert“ worden, daß ihre volle Ausnutzung gar nicht möglich ist. Sie bieten die „Möglichkeit“ zum Weltempfang, und ihre Einstellung nur auf halbe Lautstärke bedeutet-schon öffentliche Ruhestörung, wobei das internationale Sendeprogramm die Anstrengungen der Empfangstechnik kaum rechtfertigt (oder ein Studium erfordert). Da gibt es dann also „überzüchtete“ Photoapparate, da baut man Automobile mit nicht ausnutzbaren Geschwindigkeiten und von verkehrshemmender Größe, die sich selbst richtig als „Luxus“ anpreisen – oder auch teure Küchenherde, deren Kosten in der Hauptsache auf emailliertes Stahlblech entfallen, während die Gasrohre schnell durchrosten: dies alles sind Beispiele für die heutige Diskrepanz zwischen „technischem Fortschritt“, Zweckmaß und Wirtschaftlichkeit. – E. O. G.