Die Hilfe, die uns Deutschen von außen her zuteil wird, ist befristet. Tun wir nun auch alles, was in unsern Kräften steht, um unsere Wirtschaft und damit unsern Lebensstandard vor Rückschlägen zu bewahren, oder können wir noch mehr tun? Sollen wir etwa, wie es anderswo geschieht, unsere schaffenden Menschen an einem Tage zu Höchstleistungen antreiben und ihnen am nächsten erklären: Du hast gestern gezeigt, wessen du fähig bist – von heute ab wirst du alle Tage so viel leisten!

Die Frage stellen, heißt, sie verneinen. Auf die angedeutete Weise geht es bestimmt nicht oder ginge es nur, wenn wir alle bisher ein recht bequemes Leben geführt hätten. Aber irgendwo ist eine Grenze; sie ist zwar individuell und auch je nach augenblicklicher Disposition der Menschen verschieden, aber für jeden ist sie vorhanden und obendrein exakt meßbar. Der Organismus verbraucht Energie, und es wird ihm Energie zugeführt. Der „Verbrauch“ darf auf die Dauer nicht die „Zufuhr“ überschreiten, und dieser sind vom Organischen her bestimmte Grenzen gesetzt. Daraus ergibt sich, daß einzelne Rekordleistungen oder befristete Überbeanspruchungen aus gewissen, im Körper gespeicherten Reserven unbedenklich bestritten werden können, daß aber dauernde Überanstrengung auf Kosten des Körpergewichtes, der „Substanz“, geht und nur bis zu einem bestimmten Punkt durchgehalten werden kann.

Wie mit der festen Nahrung, so ist es auch mit der Flüssigkeit. Der Körper kann bei Arbeiten in großer Hitze oder solchen, bei denen er selber Wärme entwickelt, seine Temperatur nur konstant halten, d. h. sich vor Hitzschlag retten, indem er transpiriert. Die dabei verdunsteten Flüssigkeitsmengen sind u. U. beträchtlich, und es wäre grundfalsch – um nicht zu sagen verhängnisvoll – sie nicht von Zeit zu Zeit durch Trinken zu ersetzen Aber auch hier ist eine Grenze gesetzt. Jenseits derselben halten Verbrauch und Zufuhr einander nicht mehr die Waage, sondern es treten Gesundheitsschäden auf, die die Leistungsfähigkeit in kurzer Zeit empfindlich herabsetzen.

Noch eines kommt hinzu: Weder Menschen noch Tiere sind zu allen Tageszeiten gleichermaßen zur Arbeit aufgelegt. Dies hängt entscheidend mit der inneren Sekretion zusammen; insbesondere wirkt sich ein von der Nebenniere produziertes Hormon, das Adrenalin, auf die Leistungsbereitschaft aus. Der „Adrenalinspiegel“ in Blut steigt im Durchschnitt von einem Tiefpunkt in den frühen Morgenstunden bis zu einem Maximum am Vormittag an, sinkt um die Mittagszeit ab, erreicht am Nachmittag einen neuen Höchstwert und sinkt dann wiederum zur Nacht hin ab. Diese naturgegebene Tatsache zu verkennen, und einen Menschen wegen der vorübergehenden mittäglichen Erschlaffung zu tadeln, wäre, ein Zeichen von Unwissenheit.

Es ist auch bis zum heutigen Tage – soll man sagen: leider? – nicht möglich, diesen Verlauf der Leistungskurve willkürlich zu verändern. Man kann kein synthetisches Adrenalin an die Stellen bringen, an denen es gebraucht wird. Nähme man es in Drogenform ein, so würde es durch die Verdauungsorgane abgebaut. Durch Belebungsmittel – von Coffein angefangen bis zum Pervitin und ähnlichen Stimulantien – kann man selbstverständlich für kürzere oder längere Zeit die Leistungsbereitschaft erhöhen, jedoch geht dies nie ohne schädliche Rückwirkungen ab.

Man kann es also drehen und wenden wie man will: Über ein gewisses, durch Übung zu erreichendes Maß hinaus kann man die körperliche Leistung des Menschen nicht steigern, es sei denn, man ließe jede Rücksicht auf spätere Organschaden fallen. Da das Leben uns aber immer zu höheren Leistungen treibt, ist es notwendig, durch vernünftige Vorschriften zu verhindern, daß die Anforderungen an die schaffenden Menschen zu hoch geschraubt werden. Solche Vorschriften, wie sie etwa in der Gewerbeordnung enthalten sind, legen beispielsweise die Arbeitszeit fest. Dem Menschen ist ein gewisser Rhythmus von Arbeit und Ruhe am besten zuträglich; Tagewerk und Nachtruhe, Arbeitswoche und Ruhetag müssen miteinander abwechseln, und auf eine längere Arbeitsperiode muß eine ausgiebige Ausspannung, der Urlaub, folgen.

Während dies „unabdingbare Forderungen“ für alle arbeitenden Menschen sind, sollen nicht Einbußen durch Krankheiten, vorzeitiges Altern usw. entstehen, sind für Frauen (und Jugendliche), die ja entsprechend ihrem andersartigen (noch in der Entwicklung befindlichen) Körperbau weniger leistungsfähig sind als ausgewachsene Männer, weitere Vorsichtsmaßregeln zu treffen, die sich auf Nachtarbeit und bestimmte, besonders anstrengende Tätigkeiten beziehen. – Selbstverständlich gibt es jederzeit besonders kräftige und günstig veranlagte Naturen, bei denen die Überschreitung der einschlägigen Vorschriften keinerlei nachteilige Wirkung hervorruft. Für den Durchschnitt stimmen aber die gesetzlich festgesetzten Grenzen weitgehend mit den natürlichen Gegebenheiten überein.