Von Walter Abendroth

Bewundert viel und viel gescholten“ – das ist der Nachruf, an dem man große Naturen erkennt, die entweder Bedeutendes gewirkt haben oder auch ohne auffallende Taten, sogar ohne jegliches bemerkenswertes Tun, einfach durch die Ausstrahlung ihres Wesens die Mitwelt zwangen, mit ihnen zu rechnen. Eine solche Erscheinung (der zweiten Kategorie) war Elisabeth Charlotte von Orleans, die als „Liselotte von der Pfalz“ in die Geschichte einging. Sie wurde vor nunmehr dreihundert Jahren, am 27. Mai 1652, in Heidelberg geboren und war bestimmt, am Hofe des Sonnenkönigs eine ebenso bemitleidenswerte wie hervorragende Rolle zu spielen. Sie stammte in direkter Linie von Maria Stuart ab, und zu ihren Nachkommen zählten die zwielichtigen Gestalten des Revolutionsherzogs Philippe Egalité und des Bürgerkönigs Louis Philippe sowie der Gatte Maria Theresias, Franz I., also auch die unglückliche Marie Antoinette.

Doch sie bedarf nicht dieses weitgespannten Rahmens, um zu interessieren. Sie darf ganz für sich allein schon beanspruchen, als Mensch von außergewöhnlichem persönlichem Format in Erinnerung gerufen zu werden, und ihr widerfährt zuwenig Ehre mit dem vergnügten Schmunzeln, däs ihre berühmt gewordenen Briefe den Freunden historischer Kuriositäten noch immer entlocken. Man hat über dem literarischen Amüsement vergessen, daß diese Briefe bei all ihrem Temperament, ihrer Komik, ihrer Drastik und Derbheit Dokumente eines eigentlich doch freudearmen Lebens sind, dessen die Schreiberin sich oft allzu bewußt war, das sie jedoch mit der Kraft eines starken Herzens zu tragen wußte.

Es bedarf auch nicht der pathetischen Unterstreichung nationaler Gegensätze, um Teilnahme für diese lebensprühende Persönlichkeit zu wecken. Gewiß ist etwas Wahres an dem von den Historikern bevorzugten Bilde der „natürlichen“ deutschen Frau, die sich unversehens als junges Mädchen gegen ihren Willen in das verderbte Milieu des französischen Hofes verpflanzt gesehen hatte. Doch sie war gar nicht so zimperlich, und ihre wirkliche Tugendhaftigkeit hatte gar keine pharisäische, noch weniger eine nationalistisch-polemische Nöte. Politik in jedem Sinne war ihr fremd (sie hat kaum je begriffen, daß sie von ihrem kurfürstlichen Vater als politisches Spekulationsobjekt an den degenerierten Herzog von Orleans verschachert worden war), und ihre ewige Sehnsucht nach Deutschland galt nicht der (damals ohnehin imaginären) Nation, sondern lediglich der engeren pfälzischen Heimat, deren Zerstörung aus der nächsten Umgebung der Urheber miterleben zu müssen ihr tiefsten Schmerz bereitete. Ihre Seele war auf Versöhnlichkeit, Frieden und Freundschaft gestimmt. Was sie von sich und anderen forderte, war: Geradheit, Güte und Edelmut. Wo diese Eigenschaften verletzt wurden, erwachten ihr Zorn und ihre Angriffslust.

Für Liselottes Persönlichkeit spricht vor allem, daß der einzige aus der ganzen Hofgesellschaft, der ihr, auch über Zeiten der Verstimmung und betonter Kühle hinweg, sein Leben lang freundschaftliche Zuneigung und hohen Respekt bewahrte, Ludwig XIV. selber war. Wahrscheinlich war sie ihrerseits sein einziger nach Geist und Charakter ebenbürtiger Partner. Ihr Wort galt ihm immer mehr als das vieler anderer, und bevor er unter den bigotten Einfluß der „Gouvernante“ – der Madame Maintenon – geriet, ließ er sich davon sogar manchmal leiten. Liselottes Verachtung gegen die allmächtige Maitresse und bald heimliche Königin entsprang bestimmt keiner weiblichen Eifersucht primitiver Art; eher eine. Eifersucht auf die Rivalin im Kampf um die menschlichen Qualitäten des Königs. „Gouvernante“ war dabei noch beinahe ein Ehrentitel neben Formulierungen wie „das alte Weib“, „die alte Vettel“, „die alte Zott“.

„Deutsch“ war Madame freilich speziell im Sinne des Zitats „im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist“. Sie konnte nicht lügen, also war sie nicht höflich, wo sie es nicht von Herzen sein konnte. Verstellung war so wenig ihr Talent wie Toleranz für Intoleranz, Nachsicht für Heuchelei, Bemäntelung offenbaren Unrechts oder Verherrlichung blutiger Räubereien ihre Sache waren – lauter Dinge, deren tägliche Übung für jeden andern, der in Paris oder in Versailles glänzen wollte, unerläßliche Bedingung schien. Sie konnte an dem Allerchristlichsten König und seinem Hofstaat nicht sonderlich viel Christentum bemerken, denn sie suchte die Religiosität nicht in der Konfession, sondern im Sein und Tun. „Der verstorbene König von Siam“, so schrieb sie einmal, „als unser König ihm sagen ließ, er bäte ihn, die christliche katholische Religion anzunehmen, antwortete, er glaube, daß man in allen Religionen könnte selig werden, und Gott liebe nichts mehr, als die Veränderung; dann gleiche sich nichts in der Welt, jede grüne Blätter wären different und daß also unser Herr auf unterschiedliche Manieren wolle angebetet sein; dann müßte unser König fortfahren, Gott dem Allmächtigen auf seine Weis, wie er es gelernt, zu dienen, er aber wolle Gott auf seine Manier loben und dienen, und wenn es Gottes Wille sein sollte, daß er ihm anders dienen sollte, würde er es ihn schon ins Herz geben. Ich finde, daß er hierin nicht unrecht hat.“ Mit der Kirche als menschlich-allzumenschlicher Institution stand Liselotte überhaupt auf gespanntem Fuße. „Auf allen Seiten verderben die Pfaffen die Christen mit ihrem Zanken; das benimmt den Glauben ganz, denn glaubte man recht, würde man besser und christlicher leben.“ Sie bezieht sich hier auf den Frieden der Welt, der damals ein so unerfüllbarer Wunschtraum war wie er es heute noch und wieder ist. Daß einer fromm sein könnte, ohne gut zu sein, daß eine Welt des unablässigen Blutvergießens und dauernder Gewalttätigkeit sich christlich nennen dürfte, wollte nicht in ihren scharfen, kritischen Verstand. „Ich weiß nicht, ob geistliche Bücher im Englischen angenehmer sind; aber in Deutsch und Französisch finde ich sie alle so bitter langweilig, außer die Bibel, die ich nie müde werde, aber alle andre schlafen mich ein. Weil Fräulein Pelnitz moraliter wohl lebt und Tugend hat, kann nichts böse in ihr sein. Glaubt mir, alle, die so sehr in die Kirchen laufen, sind nicht allemal die Frommsten. Wer wohl lebt, wird auch wohl sterben, insonderheit wenn man eine Christin ist.“

„Moraliter wohl leben“ – das heißt in Liselottes Sprache nicht etwa, den irdischen Freuden entsagen. Sie war keine Muckerin, vielmehr eine Frau von kräftiger, draller Lebensfülle. „Moral“ bedeutete für sie in erster Linie: menschlichen Anstand, loyales Verhalten, gütiges Handeln; nicht mehr und nicht weniger, als was in dem moralischen Imperativ neminem laede enthalten ist. Soviel losgelassene Bitterkeit, verletzter Stolz, entfesselte Empörung, bisweilen auch ungehemmte Plauderlust und (selten) naives Vergnügen am guten alten Weiberklatsch und -tratsch ihr immer die Feder geführt haben mögen –; die stärksten kritischen Auslassungen, hinter denen man den erregten Herzschlag spürt, haben stets irgendeinen Verstoß gegen diese Moral zum Anlaß. Der dazwischen meist wieder hervorbrechende Humor bestätigt nur den Ernst der Grundgesinnung; es ist kein kalter, intellektueller Witz, sondern die überlegene Heiterkeit des echten Skeptikers.