„Neues Werk“ in Hamburg

Während die musikalische Prominenz der westlichen Welt in der französischen Hauptstadt versammelt ist, kam Olivier Messiaen, der große Organist und Interessanteste aller Komponisten, nach Hamburg, um im „Neuen Werk“ des NWDR die musikliebenden Gemüter zu verwirren. Ein Aggressor gegen alles Hergebrachte, worunter diesmal auch die Moderne zu verstehen ist, die, obwohl schon dreißig, vierzig Jahre lang im Kampf, immer noch nicht auf der ganzen Linie gesiegt hat. Hatte Cocteau, der Wortführer der musikalischen Avantgardistengruppe der „Six“, die „kühle Stelle auf dem Kopfkissen“ als einen Ort der Genesung für das durch romantische Empfindung allzulange gewärmte Haupt gepriesen – wie anders dieser Messiaen! Seine Musik ist abgrundtief mystisch. Sie fußt nicht auf der gealterten Atonalität, nicht auf der alten Tonalität; sie steigt und fällt, gleitet, stöhnt, jubiliert auf Leitern, die nicht allgemeingültig sind und sein können, sondern für jedes einzelne Stück (und Teilstück) eigens errichtet wurden. Diese Musik ist ein Spektrum, in dem sich starke Lichtströme aus der Gregorianik, aus der wildbewegten Moderne, aus der indischen Kult-Musik spiegeln; oft sind Urlaute und Ultra-Raffinement gemischt. Ein unmöglicher Versuch, den Eindruck dieser Musik, die keinen Vergleich hat, zu beschreiben. Wenn wir zu sagen wagen: Sie gleicht jener „sphärischen“ Musik, die manchmal im Kino erklingt, wenn auf der Leinwand Sterne glitzern, dann ist dies frivol. Beeilen wir uns hinzuzufügen: Die Kinokomponisten machen’s mit äußeren Instrumentaleffekten; Messiaen hingegen hat diese hallende Weite wirklich in sich; er täuscht sie nicht vor. Er besitzt Konstruktionsmaße – sehr eigenartige, jedoch sehr strenge –, die geeignet sind, kosmische Erlebnissphären zu verwirklichen. Welche Kunst übrigens vermöchte dies außer der Musik?

„Der umstürzlerische junge Meister“ – so wurde Messiaen im Text eines französischen Musikwissenschaftlers angekündigt, der deutsch verlesen wurde. Typ des Gelehrten in besten Mannesjahren – gelichtetes Haar, Brille, zerstreute Gesten –, so verneigte sich Messiaen, ehe er sich am Orgeltisch zurechtsetzte und sich nach umständlicher Vorbereitung als ein Meister erwies, der vor Manualen, Pedalen, Registern zu Hause ist. Er spielte Werke, von denen es hieß, daß er sie hier zum erstenmal öffentlich spielte.

Das war ein großes Kompliment für das zum „Neuen Werk“ versammelte Publikum. Und dies beste Musikpublikum der Hansestadt verhielt sich vortrefflich. Niemand zeigte sich schockiert. Als die unwahrscheinlich virtuose Singgemeinschaft La Choräle Conraud (Paris) Messiaens zwölfstimmige Cinq Rechants vortrug, erhielt auch der Komponist seinen Anteil an dem Dank, der dem schon sagenhaft großen Können dieser Sänger stürmisch gezollt wurde. Man hörte ferner bezaubernde Chöre von Poulenc und Milhaud. Das Pascal-Quartett trug in außerordentlicher Disziplin das Zweite Streichquartett Honeggers vor und wurde mit Recht gefeiert.

Josef Marein