Neuordnung im südafrikanischen Raum

In London tagt seit Mitte April unter dem Vorsitz des Ministers für die Kolonien, Oliver Lyttelton, eine Konferenz mit Vertretern der beiden Kronkolonien Süd- und Nordrhodesien und des Protektorats Njassaland, um über die von der englischen Regierung geplante Zusammenfassung der drei Länder zu einem Staatenbund zu beraten, der unter dem Namen „Britisch-Zentralafrika“ als achtes Dominium in das Commonwealth eingegliedert werden soll. Die großen Hoffnungen, die man in London an diese Konferenz geknüpft hatte, sind nicht in Erfüllung gegangen, da die Vertreter der einheimischen Negerbevölkerung von Nordrhodesien und Njassaland, die nach London gekommen waren, die Konferenz boykottierten, so daß an ihr nur zwei von der südrhodesischen Regierung ernannte Negerdelegierte teilnahmen. Der eine dieser Delegierten erklärte, die große Male der afrikanischen Bevölkerung in Nordrhodesien und Njassaland sei gegen die Föderation, weil sie glaube, daß bei einem Zusammenschluß der drei Länder die in Südrhodesien herrschende weniger liberale Einstellung und die schärferen Gesetze gegenüber den Negern auch auf sie zur Anwendung gelangen würden. Besonders eindrucksvoll waren die Ausführungen eines alten Oberhäuptlings des Bemba-Stammes, der aus Nordrhodesien nach London gekommen war, um hier aus seinen Jugenderinnerungen eine Unterredung seines Vaters mit Dr. David Livingstone wiederzugeben. Sein Vater habe damals Dr. Livingstone versprochen, die Sklaverei und die Stammeskriege aufzugeben und die Herrschaft der Königin Victoria anzuerkennen gegen das Versprechen Livingstones, daß „es unser Land bleiben sollte, bis wir in der Lage seien, selbst zu regieren“. Diese geplante Föderation sei ein Hindernis für den Fortschritt der afrikanischen Bevölkerung in Nordrhodesien und ein Vorschlag, die Afrikaner daran zu hindern, auf dem Wege zu einer eigenen Regierung fortzuschreiten.

Dieser geschlossenen schwarzen Front steht eine unter sich durchaus nicht einige weiße Bevölkerung der drei Länder gegenüber, deren Vertreter sich auf der Londoner Konferenz schließlich auf einen Kompromiß geeinigt haben, dessen Annahme durch die Delegierten noch keineswegs die Billigung seitens der Masse der weißen Siedler bedeutet. In England selbst ist die Ansicht über die Föderation geteilt. Während die eine Seite für die Durchführung des Zusammenschlusses ist, selbst wenn die Negerbevölkerung sich dagegen ausspricht, vertritt die andere Seite die Auffassung, daß es falsch sei, die Föderation gegen die Opposition der Neger durchzuführen. Eine Parlamentsdelegation, die noch von der Labour-Regierung nach Zentralafrika entsandt worden war, hatte in ihrem Schlußbericht einstimmig gefordert, daß die Föderation nicht an der Opposition der Negerbevölkerung scheitern dürfe. Ohne eine Föderation werde Südrhodesien unweigerlich eine fünfte Provinz der Südafrikanischen Union werden. Schon jetzt bestehe eine erheblich subventionierte Infiltration von Weißen aus der Union, die in fünf Jahren Süd- und Nordrhodesien beherrschen würden. Das Dilemma, in dem sich London befindet, besteht darin, daß, falls die britische Regierung in Zentralafrika die Suprematie des weißen Mannes antastet, die weißen Siedler sich mit der „Apartheid-Politik“ der Regierung des südafrikanischen Ministerpräsidenen Dr. Malan solidarisch erklären könnten.

Malan selbst führt diese Politik konsequent und erfolgreich fort. Das südafrikanische Abgeordnetenhaus hat den Gesetzentwurf, der das Bundesgericht in Verfassungsfragen entmachten soll, in dritter Lesung mit 32 gegen 57 Stimmen angenommen. Da an der Annahme des Gesetzes durch den Senat kaum zu zweifeln ist, wird Malan freie Hand haben, die Änderung des Wahlgesetzes für die Farbigen durchzuführen.

Mit diesem parlamentarischen Sieg in der Tasche und im Hinblick auf den Verlauf der Londoner Konferenz hielt Dr. Malan den Zeitpunkt für gekommen, eine seit langem schwebende Forderung gegen England offiziell anzumelden. Es handelt sich um die drei englischen Protektorate Basuto-Land, Swasi-Land und Betschuana-Lanc, die entweder, völlig oder zum größten Teil von Gebieten der Südafrikanischen Union umgebet sind. Dr. Malan erklärte im Senat, er werde bei den Wahlen im Jahre 1953 die Wähler um ihre Zustimmung bitten, daß das Parlament sich in einer formellen Petition an den englischen Geheimen Staatsrat wende mit dem Ersuchen, die drei Protektorate in die Union einzugliedern. „Die Union“ – so erklärte Malan – „ist nicht länger ein untergeordnetes Land. Kein freier, souveräner Staat würde es zulassen, daß Gebiete innerhalb seiner Grenzen von einem anderen Staat kontrolliert werden.“ Das an sich schon gespinnte Verhältnis zwischen der Union und England hat durch diese Erklärung Dr. Malans eine weitere Verschärfung erfahren, die eines Tages zu dem Ausscheiden der Südafrikanischen Union aus dem englischen Commonwealth führen könnte. E. K.