Queen Mary, die am 26. Mai ihren 85. Geburtstag beging, war vierunddreißig Jahre alt, als die große Königin Viktoria starb. Sie hat das viktorianische Zeitalter einer blühenden Volkswirtschaft, eines ungeheuren Kolonialreiches und einer festgefügten gesellschaftlichen Ordnung noch gekannt. Soweit es in ihren Kräften stand, hat sie durch die Erschütterungen zweier Weltkriege hindurch von diesem Erbe zu bewahren versucht, was zu bewahren war. Ihrem verehrten Vorbild Viktoria konnte sie freilich in der großen Politik nicht folgen, wohl aber in den viktorianischen Tugenden der Rechtschaffenheit, moralischen Verantwortlichkeit und Liebe zur Häuslichkeit.

Darin wetteiferte sie mit ihrem zweiten Vorbild, ihrem Manne, dem König Georg V., an dessen Seite sie von 1910 bis 1936 auf dem Throne saß. Ihr Sohn, der Herzog von Windsor, erzählt in seinen Memoiren, auf dem Schreibtisch des Königs habe stets die von eigener Hand aufgeschriebene Maxime gelegen: „Ich gehe nur einmal durch diese Welt, darum laß mich alles Gute, das ich tun kann, oder jede Freundlichkeit, die ich irgendeinem menschlichen Wesen erweisen kann, jetzt tun. Laß es mich nicht aufschieben oder vernachlässigen, denn ich werde diesen Weg nicht noch einmal gehen.“ Beide, König Georg und Königin Mary, haben mit ihren sechs Kindern dem englischen Volke das Beispiel der royal family vorgelebt und der gesellschaftlichen Auflösung seit dem ersten Weltkrieg ein feierliches Gegengewicht zu bieten versucht.

Noch heute steht die Königinwitwe wie ein Markstein puritanischer Tugenden im öffentlichen Leben, eine echt englische Institution wie die Times Von ihrem privaten Leben weiß man wenig, es ist fast völlig dem Leben für die Öffentlichkeit geopfert werden. Bekannt ist nur die strenge Figur, die sich schon im Äußeren dem Wandel der Zeit widersetzt. Ihre Hoflieferanten sind weder der Pariser Modekünstler Christian Dior noch Norman Hartnell in London, bei dem sich ihre Enkelin, Elisabeth II., anzieht. Es sind unbekannte Schneider, Putzmacherinnen und Schuster, die alle Mühe haben müssen, die legendäre Erscheinung in dem langen glatten Mantel mit dem Pelzkragen, den spitzen Schnallenschuhen und dem seltsamen Federhut, der wie eine Krone in Zivil aussieht, zu erhalten. Selbst das Gesicht wirkt wie eine von Selbstdisziplin und Pflichterfüllung erstarrte Maske, auf der stets ein mißbilligendes Stirnrunzeln aufzusteigen droht.

Niemand wurde in der Hofhaltung geduldet, auf den auch nur der geringste Schatten eines Skandals fiel. Jeder Hofklatsch wurde streng unterbunden. Geschiedene Offiziere der Garde wurden verbannt, und selbstverständlich wurde niemand bei Hofe empfangen, der geschieden war. Nach dem ersten Weltkrieg freilich konnte das Hofmarschallamt diese strenge Regel nicht mehr ganz aufrechterhalten. Die flüchtig geschlossenen Kriegsehen gingen massenhaft auseinander, und wenn die Church of England auch die Scheidung nicht kannte, so war sie doch von den weltlichen Gesetzen zugelassen. Selbst Queen Mary konnte sich dem Wandel der Auffassungen nicht völlig widersetzen. Zwar wurde die neue Konvention so eng wie möglich gezogen: nur die ohne eigenes Verschulden Geschiedenen wurden bei Hofe zugelassen. Aber das feste Gefüge der alten Gesellschaft und der alten Sitten war gelockert,

Dann kam Queen Marys schwerstes Jahr, das Jahr 1936. Im Januar starb König Georg V., mit dem sie eine vorbildliche Ehe geführt hatte, und im Dezember mußte ihr Lieblingssohn Eduard VIII. abdanken, um eine zweimal geschiedene Amerikanerin namens Mrs. Wallis Simpson heiraten zu können. Die Mächte der starren Überlieferungen, geführt von Baldwin und dem Erzbischof von Canterbury, waren mit dem jungen König zusammengeprallt, der sich höchst selbständig zu gebärden drohte. Sein Freund, der Außenminister Sir Samuel Hoare, war schon vor seinem Regierungantritt zum Rücktritt gezwungen und damit sein Abkommen mit Laval zum Scheitern gebracht worden. Eden war an Stelle von Sam Hoare getreten, und die Sanktionspolitik hatte gesiegt, wenn sie auch den Einzug Badoglios in Addis Abeba nicht hatte verhindern können. Laval, mit dem der Prinz of Wales Beziehungen unterhielt, hatte auch schon demissionieren müssen. In Frankreich war wie in Spanien die Volksfront an die Macht gekommen, und der spanische Bürgerkrieg hatte begonnen. Hitler hatte das Rheinland besetzt, und Ribbentrop wirkte seit Oktober als Botschafter in London.

Gefährliche Zeiten, in denen ein eigenwilliger König recht unbequem werden konnte. Diese heute noch ungeklärten Zusammenhänge – auch der Herzog von Windsor deutet sie kaum in seinen Memoiren an – entgingen gewiß der Königinmutter. Ihr genügte es, daß der König seine höchste Pflicht seiner persönlichen Neigung opferte. Damit tat er genau das Gegenteil von dem, was sie ihr ganzes Leben lang getan hatte. Mehr brauchte Queen Mary nicht zu verstehen, um im Innersten getroffen zu sein. PB