Wir hörten:

Erregend und bestürzend“ nannte der NWDR eines seiner letzten Nachtprogramme: Die Briefe Franz Kafkas an seine tschechische Freundin Milena wurden zum erstenmal publiziert, Zeugnisse einer brennenden, verzweifelten Liebe. Er schreibt nach einem Besuch bei Milena, die mit ihrem Mann in Wien lebt: „Entweder ist die Welt so winzig, oder wir sind so riesengroß, jedenfalls erfüllen wir sie vollständig.“ Aber Kafkas Düsternis, dieselbe wie in seinen Büchern, überwältigt auch seine Liebe, und schließlich erfüllt das Unglück die Welt: „Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sie werden von den Gespenstern auf ihrem Wege ausgetrunken.“ Und dann etwa: „Du bist nur das Messer, mit dem ich in mir wühle.“ Es kommt zum Ende; bald, 1924, stirbt Kafka. Zwanzig Jahre später stirbt Milena im KZ Ravensbrück.

Willy Haas, beider Freund, erhielt die Briefe – die auch über Kafkas Kindheit wichtigen Aufschluß geben – einst von Milena, verlor sie in den Wirren der Zeit und bekam sie doch wieder. Er überließ sie teilweise dem NWDR (vor ihrem Erscheinen bei S. Fischer) zur Ursendung und leitete sie selbst ein. Ein großer Abend des Nachtprogramms. Er wäre es auch gewesen, hätte man die Sendung nicht überraschend (so daß viele von ihr gar nicht wußten) für eine andere eingesetzt und sie nicht als „Sensation“ angekündigt. Zur Buße: Wiederholung in kurzer und Ansage zur rechten Zeit.

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Unter den musikalischen Aufgaben des Funks ist es wohl eine der wichtigsten und ihm gemäßen, den Hörer an bedeutenden Konzertund Opernabenden der ganzen Welt (und nicht bloß der eigenen Stadt) teilnehmen zu lassen. Leider übertrug nur Stuttgart eine Strawinsky-Aufführung direkt aus Paris. Dabei dirigierte der Komponist selbst sein Opernoratorium „Ödipus Rex“ (in einer szenischen Neufassung, mit Jean Cocteau als Sprecher) Und die „Scenes de Ballet“, die bei uns noch nicht sehr bekannt sind. Bei einer solchen Premiere, wie sie hier in der Atmosphäre des Kongresses für kulturelle Freiheit stattfand, möchte der Hörer „dabeisein“. Warum darf er’s nicht öfter?

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Drinks, gut gemixt, halten auch um Mitternacht wach. Das bewies am letzten Sonnabend (und wird’s wohl auch am nächsten beweisen) der „Mitternachts-Cocktail“ vom Hessischen Rundfunk. Das Rezept? Ganz einfach: Zuerst Tanzmusik, später französische Chansons, dann „Musik von morgen“ – progressiver Jazz, darum als „Experiment“ angesagt –, und zwischendurch erzählte der „Wellensittich“ (mit verteilten Rollen) eine neue Kriminal-Hörspielstory mit unmoralischer, daher neuer Pointe (der Vogel, scheint es, hat Humor).