Es gibt Theaterdichter, die schreiben gute Stücke ganz allein. In Deutschland hat diese Spezies heute, wie man weiß, Seltenheitswert. Das verlockt zur Anwendung einer Methode, die in New York und auch in Paris schon lange praktiziert wird: der Text, den ein Autor vorlegt (Tennessee Williams etwa oder Sartre), wird im Laufe langer Probenarbeit von einem Team, das aus dem Dichter, aber auch aus dem Dramaturgen, dem Regisseur, dem Bühnenbildner und den Darstellern besteht, so zubereitet, daß er in die denkbar theatersicherste Fassung kommt. So erklärt sich, daß die aus dem Ausland importierten Stücke zumeist viel weniger schwache Stellen haben als die deutschen. Voraussetzung für das Gelingen dieses Verfahrens ist aber, daß die Rohfassung des Autors schon alle erforderliche Grundsubstanz enthält: eine durchdachte und beziehungsreiche Fabel, plastische Charaktere, gespannten Dialog. Denn für die Szene gilt dasselbe wie für die Erzählung oder das Musikstück: nicht der Einfall allein macht das Werk, sondern erst seine Verarbeitung zur Form, seine Komposition.

Etwas erschreckt durch heftige Beschwerden, die im vergangenen Winter öffentlich vorgetragen wurden – die deutschen Intendanten und Dramaturgen gäben sich keine Mühe mit der emsig nachwachsenden Produktion –, haben zwei Hamburger Theater soeben an zwei Beispielen durchexerziert, was herauskommt, wenn man, einer bittstellenden Schar zuliebe, das Unzulängliche Bühnenereignis werden läßt.

In dem einen Falle ließ Willy Maertens an seinem Thalia-Theater die Rohfassung textgetreu spielen. Hermann Roßbacher, der Autor, hatte sich gegen jeden Vorschlag, der auf Perfektionierung zielte, gesträubt. Ihm schien der Einfall seines Stückes „Roter Mohn (ein junger spanischer Intellektueller, der Freiheit radikal ergeben, verläßt mitten im Bürgerkrieg die rote Front und wird, da er die bequeme Lüge verschmäht, zerrieben) tragfähig genug und das Beiwerk in Gestalt von (als spanisch ausgegebenen) Volkstypen für drei Akte ausreichend lebenskräftig. Aber das laue Schweigen der Zuschauer muß ihm gezeigt haben, daß es seiner dramatischen Skizze am eigentlich Dramatischen fehlt: dem unausweichlichen Gefüge der Handlung. Das bloße Spiel mit Steckbriefen, Fluchtplänen, Bestechungen und anderen Motiven des politischen Problemstücks gibt nirgendwo einen Halt. Keine Situation, in der man mit dem Helden (den Günther Dockerill mit ungewöhnlicher Intensität so glaubhaft machte, wie die blasse Schematik seiner Rolle es erlaubt) bangt und vor die Entscheidung tritt. Eine wohleinstudierte, energisch auf hohe Hitzegrade getriebene Aufführung – und gerade so ein Lehrfall dafür, daß Komposition eines Dramas nicht erst Sache der Inszenierung sein kann.

Der andere Fall war das genaue Gegenbeispiel. Vor einiger Zeit hatte die „Lektürenbühne“ Rolf Italiaanders und Günther Weisenborns eine „ernstliche Posse“ mit dem Titel „Die sieben Todsünden“ in einer Matinee lesen und markieren lassen (wir berichteten darüber in der „Zeit“ Nr. 12). Damals zeichneten zwei Autoren dafür: Niels Graf Stenbock, der die Einfälle gehabt, und Fritz von Woedtke, der sie mit plänkelnden -Dialogen umsponnen hatte. Daß damit für einen Abend nicht auszukommen sei, muß nicht nur unsere Meinung, sondern auch die Meinung an den Hamburger Kammerspielen gewesen sein. Denn die reguläre „Uraufführung“, die nunmehr erfolgt ist, nennt außer den beiden Autoren noch zwei „Bearbeiter“: Kurt Reiß, der auch der Regisseur, und Heinz Hoffmann, der auch der Bühnenbildner war. Diese beiden haben nur Anfang und Schluß, also den Rahmen des Schwanks von den sieben Todsündern, belassen, den Hauptteil aber, die imaginären Erlebnisse der sieben während ihres Scheintodes, völlig neu durcheinandergewirbelt zu einem zweistündigen Kabarett mit vielen nochmals parodierten und leicht dämonisch angehauchten parodistischen Gags. Ergebnis: es tut sich viel auf der Bühne, aber es begibt sich nichts. Auch das Dramaturgen-Aktiv hat aus dem Embryo kein Musenkind machen können.

Erwin Piscator hatte in Hamburg erzählt, daß fast alle amerikanischen Erfolgsstücke – sogar die literarisch angesehensten – in ihrer Bühnenfassung nicht nur von einem, sondern von vielen Köchen zubereitet würden. Wo aber die Autoren fehlen, können auch die Köche oder die Piscators keine Blüte der landeseigenen Dramatik bewirken. C. E. L.