Von Eka von Merveldt

Genf, im Mai

Der Wind weht nur in zwei Richtungen in Genf, und deshalb braucht der Flughafen Cointrin keinen viel gezackten Stern von Start- und Landebahnen, er kommt mit einer einzigen Betonrollbahn von Nordost nach Südwest aus. Aber die Flugzeuge landen aus allen Richtungen und bringen Menschen aus der ganzen Welt in diese internationale Stadt.

Gleich nach unserer DC 6 der Skandinaviern ’Airlines (SAS) aus Stockholm, die auf dem Wege nach Tokio aus 4000 Meter Höhe auf den blanken Genfer See hinabschwebte und sanft landete, kam aus Indien, von bärtigen, gutäugigen Piloten gesteuert, die Maschine der Air India an. Mit uns waren Nordländer aus Stockholm und Kopenhagen gekommen und zwei Handelsherren aus Pakistan mit grauen Astrachanmützen, hatten wir aus Frankfurt mitgebracht, nun standen auch die Inder an der Zollbarriere –: ein knatterndes, zwitscherndes, singendes Sprachengewirr. Die hübschen Blumenmädchen vom Genfer See aber, die den schönen Inderinnen, aber auch allen anderen ankommenden Flugpassagiere weiblichen Geschlechts Narzissensträuße aus Montreux überreichten, nahmen kaum Notiz von dem verwirrenden Gemisch der Rassen und Nationen; ja, sie hatten nicht einmal für die Diamanten in den Nasenflügeln der indischen Damen und für ihre goldgestickten farbenfreudigen Seidengewänder einen Blick. Auf dem breiten Quai de Mont Blanc in Genf waren aber noch viel mehr Narzissen zu sehen. Zwischen hellen Scharen von Radfahrern mit aufgeladenen Narzissenbündeln erkämpften sich die schweren eleganten Wagen mit dem Kennzeichen „United Nations“ einen Weg. „Die heiligen Kühe von Genf“ werden diese Wagen genannt, wegen des Respektes und der Bevorzugung im Verkehr, die sie genießen, aber gegen die Genfer Radfahrer sind auch sie machtlos.

Inmitten eines herrlichen Parks, an einer der schönsten Stellen dieser von der Natur überreich beschenkten Ideallandschaft, liegt das UNO-Haus. Und wenn es wahr wäre, daß die edelsten Materialien, zusammengefügt, das beste Haus ergäben, so wäre dieser Palast der Nationen – der so groß ist wie das Versailler Schloß – das schönste Haus der Welt. Marmor aus Italien, Edel-Hölzer aus Schweden, Teppiche aus Persien. Es ist ein internationaler Bau der Repräsentation im Stil der neuen Sachlichkeit der zwanziger-Jahre, aber, obwohl von gewaltigem Ausmaß und im einzelnen von großer Schönheit, bringt er es nicht fertig, den Betrachter einzuschüchtern oder gar mit Harmonie zu erfüllen. Dieser Bau für die Zusammenarbeit der Völker in Genf ist in seinen Maßen etwas zu gewaltsam und zu prunkvoll, als daß man nicht fürchten müßte: ‚Für geistige Arbeit ist ein Zuviel an Ausstattung und Pomp nicht zuträglich.‘ Jedenfalls verlieren die UNO-Delegierten viel Zeit beim Durchmessen des auf Hochglanz polierten steinernen Foyers und der weitläufigen Hallen und Gänge. Der russische Cicerone, der die Sehenswürdigkeiten des Hauses in fünf. Sprachen preisen kann, ließ sehr bald – mit oder ohne Absicht – einen Blick auf jene ruhenden Vertreter der Nationen tun, die in den schwellenden Sesseln meditieren, nachdem ihnen im Restaurant auf der Dachterrasse das Mittagessen zusammen mit der berückenden Aussicht auf die ideale Landschaft serviert worden ist. Ob wohl jemals die Natur, die sich hier in vollendeter Schönheit darbietet, begütigend auf den Meinungsstreit der Nationen gewirkt haben mag?

Im großen Versammlungssaal, wo gerade die 5. Jahresversammlung der Weltgesundheitsorganisation tagte, sah man die Delegierten bei der Arbeit. Die WHO, die 1946 als SA (Specialized Agende, also Sonderorganisation) der UNO neu gegründet wurde, jedoch ihre Tätigkeit schon im Genfer Völkerbund begonnen hatte, hat sich in der Magna Charta der Gesundheit ein hohes Ziel gesteckt. Sie definiert: „Gesundheit ist ein Zustand völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Fehlen von Krankheiten und Leiden. Gesundheit ist eines der Grundrechte jedes Menschen.“ Mit 80 Mitgliedstaaten gehören der WHO mehr Nationen an als der UNO-Vollversammlung: Auch die Schweiz, die aus Neutralität bisher der UNO fernbleibt, gehört der WHO an, auch Deutschland ist vertreten. ‚Die WHO‘, so wurde auf dieser 5. Jahrestagung festgestellt, ‚ist diejenige UNO-Abteilung mit den echten, sichtbaren Erfolgen ihrer Arbeit, die bei den politischen Abteilungen ungleich schwerer zu erreichen und vorläufig noch in weite Ferne gerückt sind.‘ Als ein sichtbarer und berühmter Erfolg dieser Organisation wurde die Eindämmung der Malaria im Terai-Gebiet in Indien angeführt; das Jahrtausende unter dieser Seuche litt, völlig entvölkert war und in den letzten Jahren neu besiedelt werden konnte.

Da wir stille Beobachter im Versammlungssaal waren, Volk also, erfüllt es uns mit Freude, daß der Delegierte unseres Landes, der Vertreter von Allemagne, sehr aufmerksam sein mußte, denn er sitzt ganz vorn beim Redner- und Präsidentenpult. Aber der Delegierte von San Salvador zum Beispiel sitzt ganz hinten und abseits. Wir beobachteten, daß er nicht einmal den Kopfhörer aufsetzte, mit dessen Hilfe er die Ausführungen des indischen Redners, der von den Sorgen seines Landes sprach, mühelos – und zwar in anmutigem Spanisch einer temperamentvollen Übersetzerin – hätte abhören können. Er schien sich für Indien nicht zu interessieren. Sein Nachbar aber, ein dunkler Mann aus Saudi Arabien, konnte sich an diesem Morgen nicht einig werden, in welcher Sprache er zuhören wollte. Er schaltete von 1 (englisch) auf 2 (französisch), 3 (spanisch) und sogar auf 4, wo es russisch hätte heraustönen sollen; aber leider: auf 4 herrschte eisiges Schweigen, da offenbar kein Bedarf vorhanden war. Am eifrigsten war ein junges Mädchen, das einige Delegierte nach einem nicht erkennbaren Schlüssel dadurch auszeichnete, daß sie ihnen, offensichtlich unverlangt, aufklärendes gedrucktes Material auf die Tische legt.