Von Martin Rabe

Von Paul Klee erscheinen selten Werke auf dem freien Kunstmarkt. Wenn dies einmal geschieht, wie jetzt auf der Auktion Ketterer in Stuttgart, merkt der Kunsthandel auf, im Inland wie im Ausland, vor allem in Amerika. – Klee starb 1940 in der Schweiz. Sein Nachlaß wurde an die Schweizer „Klee-Gesellschaft“ verkauft unter dem Druck der alliierten Drohung, daß auch Werke deutscher Künstler, die während der Nazizeit im Ausland gelebt haben, als Reparationsgut beschlagnahmt werden müßten. Die Rechtmäßigkeit des Verkaufs wird von dem deutschen Erben bestritten. Infolgedessen wird – neuerdings – aus diesem Nachlaß nichts mehr hergegeben. Das schränkt natürlich den Markt ein. Aber auch wenn man dies berücksichtigt, wird man feststellen müssen, daß angesichts der großen Zahl seiner Werke und angesichts der hohen Preise, die heute für sie gezahlt werden, das Angebot sehr gering ist. Woher kommt dies?

Klee hat mit seinen gegenstandsfreien Werken abseits der großen Menge gestanden; seine Kunst entsprach nie den Erwartungen des allgemeinen Publikumsgeschmacks. Wer seine Bilder kaufte, tat dies – mit Ausnahme weniger hellsichtiger Spekulanten – weil er ein ganz persönliches Verhältnis zu ihnen hatte. So trennten sich denn die Besitzer nicht leicht von ihnen. Es verbindet sie mit diesen Bildern eine romantisch-sentimentale Beziehung, ein Stimmungswert, der über den Genuß am rein Malerischen weit hinausgeht. Daher wird ihnen sogar eine zeitweilige Trennung schwer, und so ist es nicht leicht, sie zu überreden, ihre Schätze für eine Ausstellung herzuleihen. Darum ist die Klee-Ausstellung von 88 Werken, die jetzt in Hannover in der Kestner-Gesellschaft zu sehen ist, ein bemerkenswertes Ereignis.

Hier werden – zum ersten Male in Deutschland – einige große Formate aus seinen letzten Jahren gezeigt, die zum Teil zwar noch vor 1933 in Düsseldorf gemalt, aber bei uns nie ausgestellt worden sind. Da sind jene, die nach seiner Ägyptenreise entstanden, „Hauptweg und Nebenwege“ und „Gradus ad parnassum“, in denen das helle Licht und die gedämpfte Farbe der ägyptischen Landschaft, aber auch die Architektur der Pyramiden und die Feldereinteilung in der Nilebene ihren Eindruck hinterlassen haben. Da ist auch ein großartiges Bild aus seinem Sterbejahr 1940, „Flora am Felsen“, herrlich gemalt und die Kargheit der Vegetation in ihrer melancholischen Verbissenheit monumental darstellend.

Es führt ein gerader Weg, dies zeigt die Ausstellung deutlich, von den Anfängen her zu diesen späten Schöpfungen. Da ist von Anbeginn eine fast pedantische Sorgfalt in der Farbgebung, ein Untermalen in mehrfachen Schichten, die hin und wieder aufgedeckt werden, auch ein Lasieren, wie es die alten Meister pflegten, in stupende Beherrschung wechselnder Techniken. Da ist zugleich auch in allen Bildern ein merkwürdig Vegetatives in der Komposition, ein Sichtbarbleiben des Entstehens und Wachsens und unverkennbar ein Prozeß des Assoziierens in Form und Inhalt, eine Methode also, Anklänge zu finden in der Form und daraus Variationen zu spinnen, die zu einem. Inhalt führen. „Organisch“, so darf man diesen Schaffensvorgang nennen, im Gegensatz zu der toten Abstraktion, die sich in genehmeren und der Allgemeinheit zugänglicheren Werken der heutigen Kunst präsentiert. Und niemals sind die Titel, die Klee sorgfältig selbst unter seinen Werken notiert hat – zugleich mit Jahres- und Opuszahl – auch wenn sie abstrus romantisch klingen, ohne eine dichterische Verbindung mit dem Dargestellten.

Seltsam, so sollte man meinen, daß in unserer Zeit ein so esoterisches Schaffen, das so ausschließlich an die Person des Betrachters und seine nur ihm eigene Einbildungskraft appelliert, sich entgegen allen sonst triumphierenden Tendenzen der Vermassung in der Welt durchsetzt. Die Diktatoren in Deutschland, der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten haben diese Kunst verboten. Aber je stärker solche gewalttätigen Tendenzen der Nivellierung sich ausbreiten, um so kräftiger wird auch der Widerstand jener, die nicht nivelliert werden wollen. Die Anachoreten, Eremiten und Märtyrer waren die zukünftigen Heroen, nicht jene, die sie verfolgt und umgebracht haben. Unter diesem Gesichtspunkt wird man die Haltung der modernen Kunst betrachten müssen – auch dann, wenn man angesichts manchen leeren Epigonentums zuweilen geneigt ist, sich über einzelne ihrer Vertreter zu ärgern.