Es ist gerade erst vierzehn Tage her, da erschien im "Volkswirt" ein Aufsatz des soeben auf einen Lehrstuhl der Universität Heidelberg berufenen Ministerialrats Dr. H. Meinhold-Bonn, unter dem Titel "Aktive Konjunkturpolitik?", dessen Quintessenz, aus der gepflegten Sprache des Wissenschaftlers ins schlichte Wiener Deutsch übersetzt, etwa hätte lauten können: "... da kann man halt nix machen!" Meinhold ging davon aus, daß bei der eigentümlichen Doppelgesichtigkeit unserer derzeitigen Konjunkturphase – hie Flaute bei Verbrauchsgütern, hie Übernachfrage nach Grundstoffen und Investitionsgütern – der "traditionelle Ansatzpunkt konjunkturpolitischer Maßnahmen" offenbar nicht gewählt werden könne: nämlich "die Finanzierung zusätzlicher Investitionen durch Kreditschöpfung". Denn gerade an der Nachfrage nach Investitionsgütern fehle es ja bislang nicht; im Gegenteil: selbst die derzeitigen Absatzmöglichkeiten für solche Güter konnten, wegen des Stahlmangels, bisher nur unvollkommen genützt werden. Für den Fall, daß die Stahlversorgung sich schnell bessern und/oder die Nachfrage nach Investitionsgütern absinke und "freie" Produktionskapazitäten entstehen lasse, heißt es dann: "Allenfalls wäre eine Empfehlung an die

Banken am Platze, in Fällen, in denen die Investitionslust (nämlich: bei den "konsumnäheren Wirtschaftszweigen") noch vorhanden und die Hergabe von Krediten finanziell verantwortbar ist, möglichst großzügig zu verfahren – und, an die Bank deutscher Länder: die Banken dabei zu unterstützen. Aber eine solche Empfehlung würde wohl offene Türen einrennen,"

Hierzu sind nun doch einige Bedenken anzumelden – wie auch schon zu dem ersten Zitat, wo Meinhold von der Finanzierung zusätzlicher Investitionen "durch. Kreditschöpfung" als dem "traditionellen Ansatzpunkt konjunkturpolitischer Maßnahmen" sprach. Wie wir die Bank deutscher Länder und ihre Ideen zur Konjunkturpolitik zu kennen glauben, meinen wir jedenfalls nicht, daß man an der Taunusanlage in Frankfurt "offene Türen einrennen würde", mit der Empfehlung, die "großzügige" Hergabe von Investitionskrediten seitens der Banken nun auch von sich aus zu fördern; wahrscheinlich würde eine solche Empfehlung dort keine offenen Türen finden, sondern offen als unbillige Zumutung bezeichnet werden ... Gewiß: für den Zirkulationskredit, für die Finanzierung der laufenden Umsätze, also des Warenflusses von der Rohstoffgewinnung (und dem Rohstoffeinkauf im Ausland) bis zum Konsumenten (und bis zum Export) – dafür steht die Zentralbank "in Reserve", dafür ist sie da. Aber Investitionen durch "Kreditschöpfung" finanzieren –? Das geht wohl nur bei öffentlichen Investitionen, im Wege des deficit spending – in jenen glücklicheren Ländern, die sich solche Methoden der Konjunktur- und Vollbeschäftigungspolitik ungestraft erlauben dürfen, ohne daß nun gleich ihre inflations-gewitzigten Bürger, in einer "drüben" gar nicht bekannten spezifischen deficit-consciousness darauf mit einer Übernachfrage à l’outrance reagieren würden. Also ist deficit spending für uns verbotene Frucht, und steht unter dem Motto: "... das gibt’s nur im Ausland, das gibt’s halt nicht hier!"

Dies wäre also zum Thema: "Bedenken gegen den traditionellen Ansatzpunkt der Konjunkturpolitik" von uns aus zu sagen. Meinhold stellt im "Volkswirt" nun noch einige weitere Betrachtungen darüber an, wie verteufelt schwer es sei, "den Konsum direkt anzuregen und damit auch die vermehrte Bestelltätigkeit der Zwischenstufen (d. h. also des Handels, der z. Z. vorwiegend ‚ab Lager‘ verkauft) zu erzwingen". Hier findet sich dann auch der schöne Satz: "Aus haushaltsrechtlichen Gründen kann ja der Staat nicht Geld auf die Straße werfen, um damit die Konsumentenkaufkraft zu erhöhen" – ein Satz, der wohl allenthalben Widerspruch erwecken wird: weil ja der Bund (allerdings "aus haushaltsrechtlichen Gründen", nämlich durch die vom Parlament beschlossenen Gesetze dazu gezwungen) gerade dies tut, und in großem Umfange tut. Er verwendet ja einen erheblichen Teil seiner Steuereinnahmen (rund 40 v. H.) dazu, Unterstützungen zu zahlen, und damit "die Konsumentenkaufkraft zu erhöhen" – wogegen solange und insoweit nichts einzuwenden wäre, als diese Gelder nur den wirklich Bedürftigen zufließen. Daß dies eben nicht der Fall ist, hat sich nun endlich bis zum Bundeskabinett herumgesprochen – wie ja der dort jüngst gefaßte Beschluß beweist, wonach eine breit angelegte Repräsentativerhebung durchgeführt werden soll, um etwas über die wirklichen Einkommensverhältnisse der Empfänger sozialer Hilfeleistungen in Erfahrung zu bringen ... Nun aber noch ein abschließendes Zitat aus dem Meinhold-Aufsatz:

"Niemand könnte es also dem Finanzminister verübeln wenn er auf Grund einer im Zeitablauf wie in der Tiefe so unsicheren Konjunkturdiagnose, wie wir sie oben angedeutet haben, Belastungen aus rein konjunkturpolitischen Motiven vermeidet. Und die Bank deutscher Länder ist in ähnlicher Lage ... Das Ergebnis unserer Überlegungen ist also rein negativ. Die Sicherheit der Konjunkturdiagnose reicht nicht aus, und selbst wenn sie es täte, könnten Maßnahmen nicht empfohlen werden." So also steht es geschrieben; so also war es zu

lesen am 17. Mai. Nun, vierzehn Tage später, stehen wir, was die aktive Konjunkturpolitik der BdL anbetrifft, vor folgenden Tatsachen:

Erstens: Mit Wirkung vom 29. Mai senkt der Zentralbankrat den Wechseldiskontsatz, der letztmalig vor neunzehn Monaten geändert (nämlich am 27. Oktober 1950 von 4 v. H. auf 6 v. H. heraufgesetzt) worden war, auf 5 v. H. Damit ist also das traditionelle Mittel der Konjunkturpolitik zur Geltung gebracht worden.