Die erste Kammer des Pariser Zivil-Gerichtshofes hat dieser Tage ein Urteil gefällt, das alle Ärzte und – viele Patienten nicht wenig interessieren wird. Das französische Gericht stellte nämlich ausdrücklich fest, daß der Arzt lügen darf, um dem Patienten die Schwere seines Leidens zu verbergen. Diese Erklärung war gewissermaßen das Nebenprodukt eines Prozesses, in dem es um etwas ganz anderes ging. Hier hatte ein Arzt gelogen, nicht um einen Patienten zu schonen, sondern offenbar aus rein egoistischen Gründen. Der Arzt wurde zur Zahlung einer Schadenersatzsumme von 600 000 Francs (7000 DM) verurteilt. Zu diesem Pariser Arzt war eine Dame aus Perigueux zur Untersuchung gekommen. Nach der Konsultation sagte er ihr, daß sie an Krebs leide. Eine Gewebe-Untersuchung, die in einem Institut vorgenommen wurde, verlief jedoch negativ, ebenso eine zweite. Der Arzt aber behauptete – wider besseres Wissen –, daß die zweite Analyse „verdächtige Anhaltspunkte“ gegeben habe, die seine Diagnose „bestätigten“. Er verordnete eine Radiumtherapie, in deren Verlauf sich der Zustand der Patientin verschlechterte, so daß sie schließlich operiert wurde. Bei der Operation stellte sich heraus, daß der Arzt gelogen hatte. Die Patientin hatte keinen Krebs. In der Urteilsbegründung sagte das Gericht, ein negatives Untersuchungsergebnis als positiv darzustellen, konstituiere eine Verfehlung, selbst unter Berücksichtigung des Standpunktes, daß manchmal eine Lüge des Arztes gerechtfertigt sein, könne: „Das letztere kann aber normalerweise nur dann der Fall sein, wenn es der Zweck der Lüge ist, die Schwere der Krankheit zu vorheimlichen“.

Diese Feststellung beleuchtet die Schwierigkeit der Stellung des Arztes in einer äußerst delikaten Frage. Jeder weiß, daß viele Ärzte die Haltung einnehmen, die der Pariser Gerichtshof jetzt ausdrücklich als zulässig erklärt hat. Das kann aber nichts daran ändern, daß mancher Patient – oder sein Erbe – hinterher die Lüge des Arztes übelnehmen, ja sogar versuchen könnte, aus ihr Ansprüche gegen den Arzt abzuleiten, wenn nämlich nachweisbar ist, daß der Patient auf Grund der Auskunft des Arztes wirtschaftlich bedeutsame Handlungen vorgenommen oder unterlassen und dadurch für sich oder seine Erben Schaden erlitten hat. Dies mag selten vorkommen, noch seltener nachweisbar sein. Aber auch abgesehen von der rechtlichen Seite handelte es sich um ein echtes menschliches Problem für den Arzt. In seinem kürzlich erschienenen Buch „Das Bild des Menschen als Grundlage der Heilkunst“ (Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart) formuliert es der Arzt Dr. Friedrich Husemann treffend, wenn er sagt: „In welche inneren Schwierigkeiten kommt der Arzt, wenn er bei dem Patienten eine unheilbare Erkrankung findet, und dieser verlangt von ihm die Mitteilung der ‚vollen Wahrheit‘. Ein einziges Wort kann, unter Umständen genügen, den Kranken der Verzweiflung zu überantworten oder ihn vorläufig über den Ernst der Lage hinwegzutäuschen und so für einige Zeit noch arbeitsfähig zu erhalten. Dies kann äußerlich berechtigt erscheinen, zum Beispiel, wenn es sich um eine wichtige Arbeit handelt – aber werden nicht wichtigere Entscheidungen dadurch versäumt? – Unmittelbar scheint da das Schicksal des Kranken in die Hand des Arztes gegeben, und ungeheuer groß ist die Verantwortung, die er – in jedem Falle – auf sich nimmt.“

Die Formulierung ist treffend, aber nicht erschöpfend. Denn es geht nicht nur um unheilbare Krankheiten. Der ärztliche Grobian, das Goldstück von bärbeißigem Sanitätsrat, der seinem Patienten kaltschnäuzig ins Gesicht sagte, was ihm fehlt und wie lange er noch auf dieser Welt herumlaufen könne, paßt nicht in unsere Zeit. Der ärztliche Grobian war ein Produkt des 19. Jahrhunderts und seines Glaubens, daß sich die Medizin wie jede andere Wissenschaft zuletzt auf naturwissenschaftliche, rein objektive Tatbestände zurückführen läßt, an denen sich gar nichts ändert, ob der Patient sie nun kennt oder nicht. Seither haben wir aber einiges dazugelernt. Man mag zur Psychosomatik oder zur Somato-Psychologie stehen, wie man will, aber soviel ist seither klargeworden, daß der Mensch nicht eine Zellenorganisation ist, in der man jede einzelne Zelle oder jede Gruppe von Zellen für sich zweckmäßig behandeln kann, sondern daß diese Zellen zusammen etwas anderes sind als eine Summe von Einzelorganisationen. Daß das Aussetzen des Herzschlages bei einer Herzneurose ebenso das Gefühl eines plötzlichen Schreckens auslöst wie ein plötzlicher Schrecken ein gesundes Herz zum Aussetzen bringt, läßt sich nun einmal nicht leugnen; die Wechselwirkungen zwischen dem Körper und dem, was wir als Seele bezeichnen, sind offenkundig. Deshalb drängen viele Ärzte heute wieder zu einer intuitiven, zu einer Ganzheitsmedizin, nachdem ein Jahrhundert lang eine Medizin der einzelnen Organe geherrscht hat. Dadurch wird aber der Arzt gewissermaßen automatisch zum Psychologen, wenn auch nicht zum analytischen, und als solcher muß er auch berechtigt sein, die Notlüge zu gebrauchen, ebenso wie der Mensch überall im Leben die Notlüge gebraucht, weil mit purer und stupider Offenheit kein soziales Leben möglich ist.

Dabei ist, wie Husemann ganz richtig feststellt, seine Verantwortung groß. Seine Aufgabe ist, den Kranken zu heilen, und er würde ihm einen Schlechten Dienst erweisen, machte er es sich zur Hauptaufgabe, ihn zu beruhigen. Seine Auskunft muß vielmehr so sein, daß sie den Kranken hinreichend einschüchtert, um ihn zur Einhaltung der notwendigen ärztlichen Vorschriften zu bewegen, ohne ihn so sehr seelisch zu belasten, daß eine Verschlechterung anstatt einer Verbesserung des Leidens die Folge ist. Das kann aber sehr leicht eintreten. Auf einer amerikanischen Ärztetagung wurde kürzlich der Fall eines Kaufmannes mitgeteilt, der sich aus Anlaß eines Versicherungsabschlusses ärztlich untersuchen ließ und dabei erfuhr, daß er an hohem Blutdruck leide. Er begab sich in ärztliche Behandlung, die aber nicht verhindern konnte, daß er von nun an ein kranker Mann war, der nach einiger Zeit arbeitsunfähig wurde und drei Jahre nach jener ersten Untersuchung starb. Aus diesem und einigen anderen Beispielen entwickelte der vortragende Internist seine These, daß „nichts mehr blutdrucksteigernd wirkt als Gespräche über hohen Blutdruck“. So mäg es um viele Erkrankungen stehen, besonders um diejenigen, die mit der inneren Sekretion im Zusammenhang stehen, die also – wenn es keine Blasphemie ist, das zu sagen – eine seelische Basis haben mögen. Bei ihnen ist besondere Vorsicht angebracht – hier darf der Arzt lügen. W. Fredericia