Von Martin Rodewald

Der Wunder-reiche Oberzug unserer Nider-Welt, oder Erd-umgebende Lufft-Kreys“: so beginnt der umfängliche Titel eines sehr alten Meteorologie-Buches von Erasmus Francisci, erschienen in Nürnberg 1680. Aber erst in unserem Jahrhundert gelang es nach und nach, Aufschluß zu erhalten über die äußeren Schichten des gasigen Überzuges des Planeten Erde, und dabei hat er sich viel „wunderreicher“ erwiesen, als man sich hätte träumen lassen. Heute wissen wir, daß verschiedene Sphären, wie die Schalen einer Zwiebel übereinanderliegend, den Erdball umfließen – und daß sie weit mehr als bloß theoretische Bedeutung haben!

Wir bringen unsere Tage am Grunde des Luftozeans zu, in der trüben Bodenschicht, die erfüllt ist von Staub und Dunst und Wolken. Und doch: indem die Wärmestrahlen der Sonne hauptsächlich die feste und flüssige Oberfläche der Erde erwärmen und diese Wärme sich den unteren Luftschichten mitteilt – beobachtbar in dem „Hitzeglimmern“ an heiteren Sommertagen –, ist dieser atmosphärische Bodensatz durch besondere Wärme ausgezeichnet und die Hauptdomäne des Lebens. Nach oben wird es immer kälter; die hohen Berge tragen selbst in tropischen Breiten ewigen Schnee. Die Warmluft, die sich an der erhitzten Erdoberfläche bildet, steigt zwar nach oben; aber die Warmluftblasen, manchmal als Haufenwolken erkenntlich, dehnen sich im Emporsteigen aus, da mit zunehmender Höhe weniger Luft auf ihnen lastet. Diese Ausdehnung ist eine „Arbeit“, sie verbraucht Wärme, und die muß die aufsteigende Luft notgedrungen aus sich selber nehmen: Das heißt: sie kühlt sich ab – um 1 Grad pro 100 Meter Aufsteigen, solange keine Wolkenbildung eintritt.

Die berühmten Hochfahrten im bemannten Freiballon, die um die Jahrhundertwende in Deutschland von Berson und Süring ausgeführt wurden, hatten ergeben, daß die normale Temperaturabnahme nach oben in den Höhen zwischen 6000 und 9000 Meter so groß wird, daß bei Fortsetzung dieses vertikalen Temperaturgefälles schon in etwa 30 Kilometer Höhe – 273 Grad erreicht werden würden. Sollten wir tatsächlich nur eine halbe Autostunde in der Vertikalen von der Temperatur des absoluten Nullpunktes entfernt sein? Das erschien undenkbar.

Sauerstoffmangel, Bewußtloswerden hatten den Messungen im bemannten Freiballon zunächst eine obere Grenze gesetzt. Deshalb griff man, konnte man schon nicht selber höher emporquellen in der Atmosphäre, zu der Methode, unpersönliche Boten hinauf zuschicken in Gestalt von Ballonen, die nur Registriergeräte trugen für Luftdruck und Temperatur. So gelang es vor nunmehr 50 Jahren die Stratosphäre zu entdecken.

In einer Sitzung der Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin im Mai 1902 legte Professor von Bezold eine Arbeit von Professor Dr. R. Assmann vor: „Über die Existenz eines wärmeren Luftstromes in der Höhe von 10 bis 15 Kilometer. Sie brachte den exakten Nachweis daß die normale Temperaturabnahme mit der Höhe in etwa 10 Kilometer plötzlich aufhört Darüber bleibt die Temperatur gleich oder nimm: nach oben hin sogar wieder zu! Die neugefundene wärmere Schicht erhielt den Namen Stratosphäre (= „Schichtsphäre“), im Gegensatz zur Troposphäre (= „Mischungssphäre“), in der das eigentliche Wettergeschehen mit vertikalen Luftbewegungen, Wolken- und Niederschlagsbildung zu Hause ist.

In den Ruhm der Entdeckung der Stratosphäre teilt sich R. Assmann mit dem Franzosen Teisserenc de Bort, der in seinem Privatobservatorium Trappes bei Paris schon kurze Zeit vorher ähnliche, wenn auch weniger genaue Aufstiegsresultate erzielt hatte. Sie erschienen in den Berichtet, der Pariser Akademie vom 28. April 1902, und die entscheidenden Aufstiege wurden von beiden Forschern im Jahre 1901 gemacht – ein Beispiel für das „In-der-Luft-liegen“ von Entdeckungen,