Nationen vergleichen ihren Humor – IX. Wo steckt der Witz in Deutschland?

Die „Zeit“ hat in ihren acht vorangegangenen Ausgaben eine Reise um die Welt des Humors gemacht, die von den europäischen Ländern nach Israel, nach Amerika, nach Sowjet-Rußland, nach China führte. Nach alledem gehört es sich wohl, daß dieses Welt-Panorama, an dem vor allem prominente französische, englische und amerikanische Autoren den Versuch machten, zugleich mit den Witzen vergleichend auch die Völker und ihre Situation zu schildern, zu guter Letzt auch Deutschland einschließe.

In aller Welt gelten die Deutschen dafür, daß ihnen die Gabe des Humors nicht im Überfluß auf ihren schweren Lebensweg mitgegeben worden sei. Die Deutschen – so heißt es – lieben das Monumentale und Feierliche; wie können sie da humorvoll sein? Die Deutschen – so lautet die vergleichende Kritik – werden von ihrem Dämon verführt, jede Idee zur letzten, Konsequenz zu treiben: so fehle es ihnen an der notwendigen Gelassenheit, über ihre eigenen urtümlichsten Eigenschaften zu lachen, wie dies etwa die Engländer fertigbringen. Die Deutschen – so sagt man – halten auf Würde: der Würdige aber verträgt keinen Spott, den etwa der Franzose auch dort bereit hält, wo es ihm um ganz ernsthafte Dinge geht. Die Deutschen – so kann man sagen hören – seien eine tatkräftige Rasse: sie handeln, wirken, bauen auf; aber sie spielen, sie „charmieren“ nicht, wie dies etwa die Italiener in oft kindlicher Heiterkeit vermögen. Und es sind durchaus die wohlwollenden Betrachter, die erklären: den Deutschen sei die Lust zum Witzemachen vergangen, nach allem, was sie erleben mußten.

Tatsache ist, daß es in Deutschland gegenwärtig keine einzige Witz-Zeitung von Format gibt. Sogar das sowjetische Rußland hat sein „Krokodil“; selbst Franco-Spanien seine „Codorniz“. Und wenn es wahr ist – woran niemand zweifeln dürfte –, daß die Oberaufsicht in autoritär regierten Staaten sogar die Kontrolle über die Witze nicht vergißt, dann ist es unerfindlich, warum in der demokratischen Bundesrepublik keine Nachfrage nach einer Zeitschrift herrscht, die den Humor pflegt und hütet. Die Versuche, den einst so berühmten Münchner „Simplizissimus“ nach Kriegsende wieder aufleben zu lassen, scheiterten kläglich. Die Berliner Witz-Zeitschrift „Der Insulaner“ ging ein; auf wenige Ausgaben nur brachte es in Hamburg auch der „Bumerang“ des begabten Zeichners Szewczuk. Nicht anders erging es dem „Wespennest“: Kein Abonnent hatte auf die Dauer Lust, sich stechen zu lassen.

Dabei ist die Bundesrepublik – was das Recht auf Meinungsäußerung auch im Witz angeht – eines der freiesten Länder der Welt, wenigstens vorläufig noch. Eine Feststellung, der höchstens Werner Finck, Deutschlands bekanntester Kabarettist, momentan widersprechen dürfte: Finck, der während des Dritten Reiches im KZ sitzen mußte, weil Goebbels zwar Witze machen, doch keinen Witz ertragen konnte, geriet, als er jüngst in Köln auftrat, in große Schwierigkeiten, die ihm nicht nur sein loses Mundwerk, sondern offenbar auch eine Behörde bereitet hat. So ist es möglich, daß die Kabaretts, die nach Kriegsende in jeder deutschen Großstadt erblühten und die man – mögen sie auch in Kellergewölben liegen – als Hochburgen witziger, manchmal überscharfer Kritik bezeichnen muß, zukünftig, so oft sie Ärgernis erregen, mit allerlei Ärger zu rechnen haben werden. Dann werden die Witze dorthin zurückkehren, wo sie auch während des humorlosen Dritten Reiches munter am Leben blieben: in die Anonymität, ins Volk.

Woran es wohl liegen mag, daß die Witzproduktion des anonymen Volkes auch von jenen Ausländern nie genug beachtet wurde, die Deutschland gut kennenlernten? Man weiß im Ausland nichts vom deutschen Witz. Ein Tatbestand, dem nur die weltweite Anerkennung des Kölner Witzes (nicht einmal des Humors der Rheinländer allgemein) widerspricht. Ganz gewiß ist das Odium der Humorlosigkeit, das auf uns Deutschen lastet, zum großen Teil darauf zurückzuführen, daß es keine Witze gibt, die man „typisch deutsch“ nennen könnte, während doch „typisch englische“, „typisch französische“, „typisch amerikanische“ Witze in aller Welt kursieren. In Deutschland ist der Humor mehr als in anderen Ländern ein kennzeichnendes Produkt der Volksstämme. Eine einzige Figur nur gibt es, die einen allgemein-deutschen Typ charakterisiert: den deutschen Michel; doch das Reich dieses Michels ist ausschließlich das der Zeichnungen. In Anekdoten und erzählten Witzen existiert der Michel nicht, und es gibt keinen Karikaturisten, dem nicht schon gesagt wurde, er möge sich gefälligst eine andere Figur ausdenken zum Ersatz für diesen ärmlichen tumben Toren mit der Zipfelmütze ...

Andererseits ist es dem Ausland zu verdanken, daß „der Deutsche“ in gewissen vergleichenden Witzen eine Rolle spielt –: nein, ein „Dank“ ist hier zumeist nicht angebracht, denn die Rolle, die uns Deutschen darin zugewiesen wird, ist meist nicht sonderlich sympathisch. Noch harmlos-erheiternd ist zwar der englische Witz vom – Aufsatzthema über den Elefanten: Der Engländer schreibt über die Kunst, Elefanten zu jagen; der Franzose über das Liebesleben der Elefanten; der Deutsche über das Seelenleben des Dickhäuters ... Heftiger schon ist der ungarische Witz nach dem Eins-zwei-drei-Schema: Ein Ungar: ein Held, zwei Ungarn: ein Adelsverband, drei Ungarn: eine Zigeunerkapelle ... Ein Russe: ein Seelchen, zwei Russen: ein Chor, drei Russen: ein Chaos ... Ein Franzose: ein Kavalier, zwei Franzosen: ein Duell, drei Franzosen: eine glückliche Ehe. Ein Deutscher: ein Philosoph, zwei Deutsche: ein Verein, drei Deutsche: ein Krieg ...