Von Marion Gräfin Dönhoff

In dem folgenden Aufsatz gibt die Verfasserin das Resümee der Erfahrungen, die sie auf ihrer dreimonatigen Reise in den Nahen Osten gemacht hat.

Wie ist es eigentlich möglich, daß der Kommunismus, der doch in dem von ihm eroberten Osteuropa, für jedermann sichtbar, ein totalitäres Terrorsystem errichtet hat, in anderen Teilen der Welt als Befreier betrachtet und vielfach herbeigesehnt wird? Wenn man den Nahen Osten bereist, also einen Teil jenes breiten Gürtels, der von Indien und Indonesien bis zur nordafrikanischen Küste am Atlantik reicht, und der bei der ost-westlichen Blockbildung keine eindeutige Stellung bezogen hat, dann wird die Antwort auf diese Frage sehr deutlich.

Nicht, daß die arabischen Länder den Kommunismus herbeisehnten, aber für sie ist die Fragestellung Amerika oder Rußland einfach keine grundsätzliche Alternative. Immer wieder wird man gerade als Deutscher gefragt: Ist denn tatsächlich die sowjetische Herrschaft schlimmer als die der westlichen Machthaber? Rußland ist fern und war immer fern, aber den Westen kennen sie und mißtrauen ihm zutiefst. Ihr Argwohn geht so weit, daß sie sogar erwägen, das angebotene amerikanische Geld aus dem Point Tour Program (zum Aufbau der unterentwickelten Gebiete) auszuschlagen, aus Sorge, es könnten sich dahinter politische Absichten verbergen. Wenn heute im Nahen Osten die Westmächte in den Ruf imperialistischer Mächte gekommen sind, so ist das nicht ein Erfolg sowjetischer Propaganda, sondern das Resümee der eigenen Erfahrungen.

Und wenn die USA glauben, daß politische Meinungen ausschließlich eine Funktion des Lebensstandards seien – übrigens eine Vorstellung, die sie mit Karl Marx teilen, der ja gesagt hat, das ökonomische Sein bestimme das Bewußtsein – so irren sie sich hinsichtlich des Nahen Ostens. Dort spielt das Materielle eine weit geringere Rolle als die Erinnerung an viele Enttäuschungen und Erniedrigungen. Daß diese Erinnerungen sich in der orientalischen Phantasie von der Realität wahrscheinlich oft nicht unwesentlich entfernt haben mögen, ist zwar bedauerlich, aber für die Schlußfolgerungen gleichgültig. Denn entscheidend ist ja nun einmal nicht die Wirklichkeit, sondern die Vorstellung, die die Menschen von der Wirklichkeit haben.

Die meisten Araber, gleichgültig ob man mit einem Professor oder einem taxidriver spricht, haben folgendes Bild von den westlichen Ländern: Sie versprachen, uns von der türkischen Herrschaft zu befreien und errichteten Protektorate und Mandate zu ihrem Nutzen. Sie versprachen, unsere Selbstverwaltung aufzubauen, mischten sich aber immer nur dann ein, wenn es um ihre strategischen oder ökonomischen Interessen ging. Wenn es sich um die Wohlfahrt unseres Landes handelte, dann entdeckten sie plötzlich das Prinzip der Nichteinmischung. Sie haben stets die Minoritäten gegeneinander ausgespielt – und immer nur mit Opportunisten und Intriganten zusammengearbeitet und nicht mit den Arabern, die wirkliche Patrioten waren. Und heute? Heute sprechen sie von Freiheit und Menschenrechten, und wenn die Perser ihren gerechten Anteil an den Ölgewinnen fordern, dann entrüsten sie sich. Und wenn die Tunesier die Unabhängigkeit verlangen, die man ihnen zugesagt hat, dann sorgen die Westmächte dafür, daß ihre Klage nicht vor die UNO kommt. Auf die kurze Fontanesche Formel gebracht: „Sie sagen Christus und meinen Kattun“.

Was schließlich stärker als alles andere die Abneigung gegen den Westen heraufbeschworen hat, ist die Gründung des Staates Israel, der in der arabischen Welt genau die Rolle einnimmt, die Sowjetrußland für die atlantischen Mächte spielt. Und insofern, ist auch Amerika, das von dem Verdacht kolonialer Ausbeutung frei war, in ihren Augen schwer belastet. Von der Balfour-Erklärung, die den Juden ein Heim in Palästina versprach, über das ihnen unbegreifliche Zurückhalten der Arabischen Legion (die unter britischem Befehl stand) im Palästina-Krieg bis zu den 800 000 arabischen Flüchtlingen ist alles Schuld des Westens. Wobei die Araber gern vergessen, daß sie es waren, die, den Teilungsplan, der unendlich viel günstiger war als alles, womit sie sich nach dem Palästinakrieg abfinden mußten, ausgeschlagen haben. Merkwürdigerweise ist aber trotz all dieser Empfindungen das Gefühl, historisch und kulturell zum abendländischen Bereich zu gehören, noch immer sehr lebendig.