Von Harald Laeuen

Ein so farbenprächtiges Bild hatte das von Uniformen blitzende Nachkriegsmoskau lange nicht gesehen: Zu den weiten schwarzen Priestergewändern kontrastierten wirkungsvoll die hohen weißen Bischofsmützen und die diamantenschimmernden Kreuze, die sich auf mancher Brust mit Hammer- und Sichelmedaillen vertragen mußten. Darunter mischten sich die reichverzierten seidenen Gewänder und hellen Turbane der Moslems. Weiße Halskrausen und Beffchen verrieten die evangelischen Geistlichen. Im bauschigen Gewand aus goldfarbener und schokoladenbrauner Wolle mit orientalischen Schnabelschuhen an den Füßen erregte ein Lama-Priester die Aufmerksamkeit der Fotografen. Das war das äußere Bild einer Kirchenkonferenz, zu der das Moskauer orthodoxe Patriarchat nicht weniger als 27 Bekenntnisse der Sowjetunion aufgerufen hatte.

Das merkwürdige ökumenische Konzil tagte in einem Saal, dessen Wände mit Friedenstauben und Stalin-Sprüchen geschmückt waren. Überdies zeigte ein riesengroßes Porträt an der Stirnseite an, unter wessen Schirmherrschaft und auf wessen Weisung man sich versammelt hatte. Die sowjetische Nationalhymne ertönte am Anfang und am Schluß der Konferenz. Ein Chor von Seminaristen trug eine Stalinkantate und moderne Friedensgesänge vor. Sobald der Name „Stalin“ ertönte, wurde Beifall geklatscht. „Die durch ihn erbaute Friedenszitadelle erhebt sich ebenso hoch wie der Montblanc oder der Mount Everest!“ Der bischöfliche Sprecher dieser Worte vergaß in seinem politischen Eifer, daß dem gläubigen Menschen bei einem solchen Vergleich das Schicksal des Turmbaus zu Babel warnend vor Augen treten mußte.

Schon zwei Jahre vorher war in Moskau eine geistliche „Friedenskundgebung“ im gleichen Stile veranstaltet worden. Damals saß Alexander Fadejew, der Vorsitzende des sowjetischen Schriftstellerverbandes, im Präsidentenstuhl, der diesmal für den Patriarchen Alexej reserviert blieb. Solche Regieverbesserungen sollten den Eindruck verstärken, daß die Eingeladenen in voller Freiheit dem Drange, ihres Gewissens gefolgt waren. Genau einen Monat vorher hatten sich auf der „Internationalen Wirtschaftskonferenz“ Kapitalisten mit Kommunisten über Geschäfte und das „friedliche Nebeneinander“ beider Systeme unterhalten können. Diesen Tagungen war gemeinsam, daß das eigentlich bolschewistische Element diskret in den Hintergrund trat, doch bestand ein bedeutsamer Unterschied in der Methodik: die Bankiers, Geschäftsleute und Fabrikanten aus dem Westen hatten die Rücksicht erfahren, durch Sowjetpropaganda nicht belästigt zu werden. Den Geistlichen dagegen, die bloß Inländer waren, oblag die unangenehme Pflicht, mit der Autorität der Religion politische Absichten zu decken. So wetterte der Moskauer Patriarch gegen die „Weltherrschaftsgelüste der anglo-amerikanischen Imperialisten“ und verdammte den „bakteriologischen Krieg“.

Man könnte den Aufruf, den die Religionskonferenz verfaßte, als bestellte Arbeit kurz abtun, wäre er nicht kennzeichnend für die geistige Lage, in der sich die Repräsentanten von Religionsgemeinschaften in der Sowjetunion befinden. Fein stilisierte Unterschiede in der Anrede der Völker des Islam und des Buddhismus, denen besonderes Mitgefühl galt, soweit sie unter „imperialistischem Joch“ schmachten, der Christen, die zum Widerstand gegen ihre kriegsgefährlichen Regierungen aufgefordert wurden, und der Juden, die einen leichten Tadel hinnehmen mußten („die in vielen Ländern lebenden Juden erheben nicht überall ihre Stimmen zum Schutze des Friedens“) entsprachen genau der Praxis der Sowjetmacht in der Behandlung der Konfessionen. Sie sollten keinen Zweifel darüber hegen, warum sie noch geduldet werden.

Hätte der Aufruf von der durch die Religionen verkündeten Freiheit gesprochen, in der allein der Mensch seine Würde bewahren kann, während die gottlose Freiheit zum Despotismus und zum geistigen Tode führt, so wäre das ein Blickpunkt für die kritische Betrachtung politischer Systeme ohne Unterschied gewesen. Aber die Verfasser des Aufrufs konnten nach Elogen für das Sowjetregime nur noch ein verzerrtes Bild der Weltlage zeichnen. Anders ausgedrückt: es fehlte ihnen der Mut zur Wahrheit. Nur scheinbar hoben sie die Trennung der Welt durch das Streben nach Einheit und Freiheit auf, sie vertieften sie in Wirklichkeit durch politische Parteinahme. Angenommen, sie seien ehrlich davon überzeugt gewesen, daß die Feinde der Sowjetunion verbrecherisch handeln und mit Vokabeln zu verurteilen sind, die dem Arsenal der sowjetischen Staatspropaganda entstammen, so müßte man sie an die russische orthodoxe Tradition erinnern, noch für den Verbrecher die Stimme zu erheben und sein Vorhandensein als Mahnung zu empfinden, an die eigene Brust zu schlagen. Der Satz: „Unter uns Gläubigen gibt es keine Anhänger des Bösen und der Unwahrheit, keine Diener des Todes und der Zerstörung, keine Feinde Gottes“ hat einen pharisäerhaften Beigeschmack und läßt die Bescheidenheit und Demut vermissen, die östliche Theologie sonst auszeichnen. Wohl wandte sich der Aufruf gegen den Haß, der in der Welt gesät wird – natürlich immer außerhalb der Grenzen der Sowjetunion –, aber er enthielt kein ausdrückliches Bekenntnis zu der Gemeinschaft, die alle Menschen in Liebe umschließen soll, und zu der Aufgabe der schöpferischen Verklärung des Lebens in allen seinen Äußerungen, die einst das erste Anliegen der Ostkirche war.

Niemand hat den geistlichen Würdenträgern ins Herz sehen können, für die, entgegen allem Schein, der Kongreß nur eine Demonstration ihrer Ohnmacht war. Der Staat bleibt ihnen gegenüber mißtrauisch. Die antireligiöse Literatur ist in den letzten Jahren durch Neuerscheinungen vermehrt worden. Der kommunistische Jugendverband hat den religionsfeindlichen Kurs verschärft. „Der Glaube an Gott und die Ausübung kirchlicher Gebräuche sind unvereinbar mit der Mitgliedschaft im Komsomol, hier kann es keine Kompromisse geben“, schrieb noch im vergangenen Jahr die „Komsomolskaja Prawda“. Nu soweit sie als Instrumente des sowjetischen Willens verwendbar sind, können die Gläubigen auf vorläufige Duldung rechnen. Je stärker in den Kundgebungen die Politik die Religion verdrängt, desto deutlicher wird ein ökumenisches Konzil auf sowjetischem Boden zum Ausdruck einer babylonischen Gefangenschaft der Kirche.