Zum 85, Geburtstage Max I. Friedländers

Von R. M. Heilbrunn

Wenn am 5. Juni Max I. Friedländer in Amsterdam auf fünfundachtzig Jahre eines arbeitsreichen und gesegneten Lebens zurückblickt, so wird es an diesem Tage diesseits und jenseits des Atlantik wohl kaum einen Kunstfreund geben, sei er Liebhaber, Kenner, Forscher, Sammler oder Händler, der nicht mit Dankbarkeit und Verehrung des Mannes gedenken wird, der sich mit dem Corpus der „Altniederländischen Malerei“ ein dauerndes Monument errichtet hat. Denn „Der Friedländer“ ist längst für jeden mit früher nordeuropäischer Tafelmalerei Beschäftigten ein unentbehrliches Handwerkszeug geworden. Die Erläuterungen zum Leben und Werk jener Meister bieten eine solche Fülle von Bemerkungen historischer, kulturgeschichtlicher, psychologischer Art, daß die Lektüre auch für den nicht kunstwissenschaftlich Interessierten voller Belehrung und Anregungen ist. Auch ist das Buch in einem Stil geschrieben, der in seiner Klarheit, Einfachheit und Präzision erkennen läßt, daß Schopenhauer ein Lieblingsschriftsteller Friedländers ist.

Doch wenn „M. I. F.“ im Vorwort des Hauptwerkes 1925 bescheiden bemerkte, er sei seit etwa fünfunddreißig Jahren „um ein und dieselbe Sache ununterbrochen bemüht“ gewesen, nämlich die niederländische Malerei, so wird man dieser „Expertise“ nur mit Vorbehalt zustimmen können. Hier irrt Friedländer. Denn schon ein flüchtiges Durchblättern der beiden 1927 und 1942 erschienenen Bibliographien zeigt eine wahrhaft polyphone Thematik von Gegenständen an. Bereits eine Arbeit aus dem Jahr 1888 behandelt „Zola und die Hellmalerei“, ein Vorwurf, dessen Behandlung man von dem Kenner der Primitiven vielleicht nicht erwartete. Von den 757 bis zum Juni 1942 erschienenen Arbeiten seien neben den Untersuchungen zur niederländischen Kunst vor allen die Studien über altdeutsche Meister erwähnt (66 handeln allein über Dürer), aber auch auf die Publikationen über Liebermann und Sievogt sei hingewiesen, in denen sich der Kenner des Beginnes nordischer Tafelmalerei mit den Problemen ihrer Spätzeit beschäftigt.

Der Jubilar bemerkte in dem Vorwort zu „Kunst und Kennerschaft“, er habe schon bei seinem Studium „von Beginn mit natürlicher Neigung eher den Kennern als den akademischen Lehrern vertraut“. Vor allem die Persönlichkeit Wilhelm Bodes, der die Berliner Museen zu einem die alten fürstlichen Sammlungen Europas rasch überragenden Schatzhaus des Kunstfleißes fast aller Zonen und Zeiten verzauberte, hat auch die wissenschaftliche Sicht seines getreuen Mitarbeiters und späteren Nachfolgers entschieden beeinflußt. Wie sehr Friedländer ihm verbunden war, wurde mir schmerzlich deutlich, als ich anläßlich der Amsterdamer Ausstellung der Gemälde des weiland Kaiser-Friedrich-Museums im Jahre 1950 den Eindruck sah, den sie auf ihren früheren Bewahrer und Mehrer machte. Als diese „Ostflüchtlinge“ auf ihrer ahasverischen Wanderschaft durch die alte und neue Welt die Stadt Rembrandts erreichten, schien es weniger eine Freude des Wiedersehens mit alten Geliebten und Freunden zu sein, die Friedländer ergriff, als das Bewußtsein, diese ihrer gewohnten Behausung beraubt zu sehen, nackt und bloß, ohne die von Bode mit so viel Liebe und Sorgfalt gesammelten Umrahmungen.

Friedländer erzählt in jenem Vorwort, daß er in Berlin in einem Haus aufgewachsen sei, das kaum zweihundert Meter entfernt stellt vom Alten Museum. Aber auch seine Abstammung selber dürfte auf die Wahl seines Weges und die Richtung und Methode seiner Studien nicht ohne Einfluß gewesen sein. Er entstammt einer alten Berliner Juweliersfamilie, wie so viele der von ih’m erforschten altniederländischen und altdeutschen Meister Goldschmiede waren, und die Kennerschaft, die Friedländer bescheiden dem Umgang mit erfahrenen Museumspraktikern zuschreiben zu müssen glaubt, mag nicht zuletzt auf der „Erbmasse“ beruhen, die Väter und Vorväter im Sammeln und Fassen edler Steine, im Formen und Gestalten kostbarer Schmuckstücke und Gefäße erworben hatten. Man wird ihn auch als einen „echten Berliner“ charakterisieren dürfen. Jene Sachlichkeit und Nüchternheit, die der Hauptstadt der preußischen Königs eigen war, ist ja auch eine Haupteigenschaft der Methode und des Stiles von „M. I. F.“