/ Erzählung von Ruth Herrmann

Fräulein Jensen stand auf ihrem Grab und wartete. Sie ging unruhig hin und her, obwohl die zwei Quadratmeter Boden ihr nicht viel Bewegungsfreiheit ließen. Die Kapellenuhr schlug ein Viertel nach vier und Fräulein Jensen stampfte unwillig mit dem Fuß auf, weil schon eine kostbare Viertelstunde der einzigen Stunde im Jahr verloren war, der einzigen Stunde, in der es hier erlaubt war, über der Erde Besuch zu empfangen.

Sie betrachtete die bronzene Jungfrau auf dem Nachbargrab, der die Leier entfallen war und die – ihre Stirn an eine zerbrochene Säule gelehnt – den Tod des Konsuls Kleverkamp beweinte. Fräulein Jensen selbst hielt mehr von der Kunst, nicht zu zeigen, was sie empfand, und sie bückte sich, um das Stiefmütterchen wieder aufzurichten, das sie eben im Zorn zertreten hatte.

Es war unwahrscheinlich, daß Fritz Dannmeyer kommen würde. Er war auch in den vergangenen vierzig Jahren niemals hier gewesen. Außer Auguste, die nach Dienstmädchenart die Stunde mit Weinen zugebracht hatte, war noch niemals Besuch für Fräulein Jensen gekommen.

Als Fritz sie damals verließ, um das vollbusige Vorstadtmädchen zu heiraten – was zur Folge hatte, daß Fräulein Jensen, kaum fünfunddreißig Jahre alt, an gebrochenem Herzen starb –, damals hatte sie geglaubt, sie würde ihm niemals verzeihen können. Aber wenn man sich in dieser einzigen Stunde des Jahres auf seinem Grabe langweilt, ist man zu mancherlei Vergebung bereit.

Sie hatte das dunkelblaue Wollkleid mit dem kleinen weißen Kragen an. Man konnte sich aussuchen, was man in der Besuchsstunde tragen wollte. Es kamen aber nur Kleider in Frage, die man wirklich besessen hatte, denn sonst wäre ja gerade hier der Hochstapelei Tür und Tor geöffnet gewesen. In diesem Kleid hatte sie sich immer am sichersten gefühlt.

Konsul Kleverkamp bekam Besuch von seinen Söhnen und Töchtern. Er war wahrhaftig auch gerade eben erst heraufgekommen – ein Mann, der gewohnt war, auf sich warten zu lassen. Die Kinder Kleverkamps – erwachsene Menschen übrigens – sahen ernst aus und man merkte ihnen nichts von Wiedersehensfreude an. Wahrscheinlich dachten sie an die vergangenen Besuchsstunden, in denen es jedesmal Unannehmlichkeiten gegeben hatte.