Zu umstrittenen Romanen von Giono und Robert Neumann

Jean Giono: Ein König allein. Roman, (übertragen von Richard Herre, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart, 277 S., Leinen 11,80 DM.)

Über diesen ersten ins Deutsche übertragenen Roman aus dem viele tausend Manuskriptseiten umfassenden epischen Oeuvre, das Jean Giono während des nach 1944 über ihn verhängten Schreibverbotes verfaßte, ist in der deutschen Kritik ein heftiger Streit entbrannt. Es fehlte nicht viel, und man hätte den in keinen politischen oder weltanschaulichen Ismus, einzuspannenden Dichter neofaschistischer Tendenzen beschuldigt, da er nicht unmißverständlich im Sinne der Reeducation Stellung gegen seinen Helden bezieht. Aber dieses Urteil ist schon darum zum mindesten voreilig, weil die unheimliche Figur dieses „rot sans divertissement“ nur die erste aus einem Zyklus von „Chroniken“ ist, deren weitere Bände noch auf die Publikation warten. Dennoch: Wer ist dieser Langlois, ausgedienter Kolonialsoldat von 1840, dann Hauptmann der Polizei und schließlich Major im Wolfsjagdcorps? Er hat in Afrika morden müssen und versucht darum um so intensiver, sich in die Motive des Mörders hineinzudenken, auf dessen Spur er in dem Gebirgsdorf Pampelune gesetzt ist. Er empfindet sich so sehr als dessengleichen, daß er Richter- und Henkeramt in eigene Gewalt nimmt. Die gleiche Identifizierung vollzieht sich später bei der Jagd auf den blutdürstigsten und grausamsten unter den Wölfen: Langlois gebietet den Treibern, die die Bestie eingekreist haben, Halt und vollstreckt selbst das Urteil. Er kann nicht Amtsperson sein. Er ist einsam; „ein König ohne Vergnügen ist ein Mensch voller Not“. Er ist den anderen ein Geheimnis, der ganz und gar Fremde. „Man hat mit offenen Augen von diesem Mann geträumt, der uns wie seine Tasche kannte und uns nie ein Lächeln gönnte.“ Kurz bevor er das Urteil an sich selbst vollzieht, heiratet er noch ein junges Mädchen – aus Gründen, die den Dörflern unbegreiflich bleiben müssen. Die furchtbare Verschlossenheit seiner Existenz soll durch die Frau bei allen als dunkles Geheimnis weiterwirken.

Im humanitären Sinne ist dieses Verhalten so wenig moralisch wie das vieler großer Gestalten Hamsuns. Die beiden gewaltigsten Epiker unseres Jahrhunderts, von den Propagandisten, „Humanität“ zur Verfemung denunziert, ziehen ihre Spur mit der gleichen Gelassenheit wie Mörder und Verfolger in diesem Buch und verschwinden wie diese „in den Wolken“. Cornelius Colon

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Robert Neumann: Die Puppen von Poshansk. Roman. (Kurt Pesch Verlag, München, 399 S., Leinen.)

Niemand wird gegen Flauberts „Salambô“ einwenden, dieser Roman spiele in einem Milieu (es ist Alt-Karthago), das der Autor nicht aus eigener Anschauung kannte. Gegen Robert Neumanns monumentale Satire von einem Aufstand in ostsibirischen Straflagern 1948 ist aber von einem jungen deutschen Kritiker ernsthaft eingewandt worden, Neumann habe sich für die Schilderung der verbotenen Goldzone von Kolyma auf Memoiren entkommener Sträflinge verlassen müssen, und es fehle daher seinen Figuren – mit Ausnahme des amerikanischen Ex-Präsidentschaftskandidaten (Modell: Henry Wallace) und seines homosexuellen Sohnes – an Plastik. Wie aber, wenn es Neumanns Anliegen gewesen wäre, zu schildern, wie die Menschen in jener Region unter jenem Regime alle Plastik verlieren und zu immer abstrakteren Figuren – eben „Puppen“ werden, zu bloßen Figuren der Funktionärsangst, der Geilheit, der vagen Hoffnung, der kleinen Ranküne? Wenn die prophetisch-utopischen Romane unserer, Tage die Formen ihres Termitenstaats von Berichten aus der Sowjet-Union ablesen – warum soll dann nicht ein satirischer Romancier das Dasein der „letzten Menschen“ als Dasein im heutigen Sibirien beschreiben? Das System selbst hat ja dort, wo es mit der Freiheit ganz tabula rasa macht, unmittelbar den Charakter eines schwarzen Utopien. Gerade das kann man aus den Quellen entnehmen (für Kolyma etwa aus Ellinor Lippers „Zwölf Jahre in sibirischen Lagern“).