1937 schrieb ein englischer Berichterstatter anläßlich der Pariser Weltausstellung: „Wo ist Ignatz Wiemeler? Fehlt er in der deutschen Ausstellung oder hat er sich dem Stil des Dritten Reiches so angepaßt, daß seine Eigenart nicht mehr erkennbar ist?“ Er hatte sich nicht angepaßt, er fehlte mit aller Absicht. Kann es einen überzeugenderen Beweis für die internationale Geltung dieses Buchbinders geben als diese ausländische Pressestimme? In Deutschland imponiert diese Tatsache vielleicht nicht mehr recht, weil es scheint, als verlöre die Einbandkunst immer mehr an Bedeutung.

Ignatz. Wiemeler ist am 25. Mai gestorben. Die letzte umfangreiche Ausstellung seiner Einbände konnte man am vorigen Jahresende im Museum für Kunst und Gewerbe zu Hamburg sehen. Die Bände stammten aus der berühmten Sammlung des Bibliophilen Dr. Karl Klingspor; sie ist inzwischen in den Besitz der Stadt Offenbach übergegangen. Und es ist zweifelhaft, ob es jemals möglich sein wird, diesem Künstler eine Gedächtnisausstellung zu widmen. Denn fast alle seine Werke sind in Privatbesitz, in deutschem, viel mehr noch in schweizerischem, englischem und amerikanischem. Eine deutsche Begabung ganz großen Stils hat sich wieder einmal zur Hauptsache ins Ausland verströmt.

Seine größte Zeit hatte der 1895 in Westfalen Geborene in Leipzig, wohin er nach seiner Ausbildung in Hamburg und einer kurzen Lehrtätigkeit in Offenbach durch Walter Tiemann berufen wurde, wo er im Kreise der Besten, die um die künstlerische Form des Buches bemüht waren, bis zum Kriegsende wirkte. Seitdem lehrte er an der Hamburger Landeskunstschule.

Wiemeler gehörte der Tradition an, die mit den großen Einbandkünstlern des englischen Präraffaelitismus begann und in ihm ihren Höhepunkt erreichte. Er hatte den Sinn für die Werte seines Materials, des Leders, des Pergaments, des Papiers; er hatte ein unter Franz Weiße und C. O. Czeschka geschultes Gefühl für Proportionen. Beide Fähigkeiten waren in ihm aufs höchste gesteigert und mit einer einfallsreichen Erfindungsgabe und einer verblüffenden handwerklichen Geschicklichkeit verbunden.

Wiemeler hat in Leipzig und in Hamburg viele Schüler ausgebildet, von denen sich mancher einen Ruf erworben hat. Aber wer geht über seine Leistung hinaus, die der der größten Buchbinder früherer Jahrhunderte gleichkommt?

Kurt Dingelstedt