Von unserem Bonner Korrespondenten

R. ST. Bonn, Anfang Juni

Manchmal geraten die altgewohnten Fronten im Bundestag ins Wanken. Dann feiert die persönliche Leidenschaft einen kurzen Triumph über den Fraktionszwang, den immer fühlbaren, wenn auch nie zugegebenen. Dann weiß man plötzlich nicht von vornherein, was dieser oder jener Abgeordnete sagen wird, je nach dem, ob er zur CDU oder SPD gehört. Dann kommt es sogar vor, daß Ansichten, die von der amtlichen Fraktionsmeinung abweichen, nicht nur in den Wandelgängen, sondern auch im Plenum mannhaft vertreten werden. Es sind jene seltenen Augenblicke, in denen sich das Parlament auf seine eigentliche Aufgabe besinnt: nur dem eigenen Gewissen verpflichtet, für die als richtig erkannte Meinung einzutreten. Dann muß sich der SPD-Sprecher der Kritik eines Fraktionskollegen erwehren, aber erntet emphatische „Sehrrichtig“-Rufe von der CSU.

So letzthin, als es zu einer temperamentvollen Jagd auf das Bundesjagdgesetz kam. Da gab es keine CDU mehr und keine. SPD. Da gab es nur noch Jäger und Bauern, und Föderalisten der Jagdgesetzgebung brachen plötzlich aus den Reihen der sonst stursten Zentralisten hervor. „Sie können doch die Hochgebirgsjagd nicht mit der Robbenjagd vergleichen“, schloß messerscharf der bayerische Jagdexperte Horlacher, und das Argument schien seinen Eindruck nicht zu verfehlen. Es kam sogar zu einem Hammelsprung über das Jagdgesetz: ob man es nicht doch noch einmal dem Ernährungsausschuß zur Verbesserung überweisen sollte. Doch sollte man nicht nur dem Wild vermehrte Schonfristen zugestehen – wofür die Jäger unter den Abgeordneten im Gegensatz zu den Bauern plädierten –, häufigere Schonfristen vom Fraktionszwang täten auch dem Bundestag gut.