Von Walter Abendroth

Es gibt gewisse Spezialfragen fachwissenschaftlichen Art, die sich bei näherem Hinblick als Teilerscheinungen einer ganzen allgemeinen geistigen Situation enthüllen und denen nachzudenken daher nicht nur für den Manr von der „Zunft“ gewinnbringend sein kann Eine solche Frage ist die heute immer wieder besonders von den Musikern der Nachwuchsgeneration aufgeworfene: ob es nicht eine gegenstandslose Zeitvergeudung, ein überflüssiger Umweg sei, die Kompositionsschüler erst den traditionellen „vierstimmigen Satz“, also die Technik der klassischen Funktionsharmonik erlernen zu lassen, da ja doch die Gegenwart (und, wie man zu wissen glaubt, die Zukunft) ganz anderen Prinzipien (vor allem der Zwölftontechnik; gehöre.

Diese Frage erinnert sehr an die Kernfragt des aktuellen Streites um die Noch-Berechtigung des Gymnasiums mit seiner zentralen Pflege der alten, sogenannten „toten“ Sprachen, insbesondere des Lateinischen. Eine Frage, die von den meisten Verantwortlichen heute aus der Froschperspektive der unmittelbaren „Nützlichkeit“ gesehen und demgemäß (nämlich negativ) beantwortet wird. Die bedeutendsten Verfechter des gymnasialen Schultyps aber begründen ihren Standpunkt nicht so sehr damit, daß das Latein die Hauptwurzel der modernen romanischen Sprachen und auch in andere Idiome als wesentlicher Faktor eingedrungen ist, so daß sich fast alle lebenden Sprachen mit Kenntnis des Lateinischen viel leichter erlernen lassen als ohne sie; auch nicht damit, daß die alten Sprachen seit Jahrhunderten das Material zur international verständlichen Terminologie der Wissenschaft aller Gebiete stellen. Sie betonen vielmehr den unersetzlichen Wert des Lateinischen als Schule der Logik; sowohl speziell – der sprachlichen Logik wie des logischen Denkens überhaupt. Und diesem Argument ist nach statistischen Erfahrungsbeweisen schwerlich zu widersprechen.

Im gleichen Sinne repräsentiert auf dem Felde der Tonkunst das System der Funktionsharmonik das Prinzip der musikalischen Logik. Auch hier: nicht allein des logischen Fortschreitens von Klang zu Klang, sondern des logischen Musikvorlautes schlechthin. So wenig wie die logische Fortschreitung der Harmonik an sich ist die harmonische Aufteilung eines musikalischen Großraumes eine „Erfindung“, also ein Produkt der Willkür gewesen, sondern die Entdeckung eines musikalischen Gesetzes. Darum ist es kein Zufall, daß gerade der größte, bisher vielleicht einzige wirklich geniale „Zwölftöner“, Arnold Schönberg, keineswegs für den Abbau der traditionellen Harmonieschule und, im Gegensatz zu seinen Epigonen (worauf Stuckenschmidt in seiner Biographie mit Recht nachdrücklich hinweist), jeder einseitigen Dogmatik in Sachen der Kompositionsmethode abhold war. Ohne Frage hat er von der bleibenden Bedeutung mindestens jener „Schule der Logik“ gewußt. Wahrscheinlich auch ahnte er, gerade im Alter, als er seiner Errungenschaften sicher war, daß, analog dem Nachleben der toten Sprachen in den lebenden von heute, auch in allen etwaigen künftigen Tonsystemen Elemente der Funktionsharmonik (also des tonalen Denkens) wirksam bleiben werden. Denn völlig ohne dieses funktionelle Element ist eine klare, musiklogische Großraumgliederung gar nicht möglich und bislang auch nirgends einwandfrei gelungen. Ein Musikstück (zumal eines von weiten Dimensionen) muß eine deutliche Topographie haben. Es muß sein wie bei einer Autofahrt durch eine Stadt; man muß merken: jetzt fahren wir in die Vororte, jetzt sind wir im Zentrum, jetzt nähern wir uns der Ausfahrt. Eine solche Topographie (sie war schon bei Reger getrübt dank der Vorstufe des Zwölftonsystems, der entfesselten Enharmonik) kann es ohne irgendeinen funktionsharmonischen Einschlag gar nicht geben. Bei dieser Frage geht es um die Form; nicht irgendeine, vorgebliche, scheinbare, sondern die wirkliche, lebendige, gewachsene, organische; nicht irgendeine gewollte, sondern die „gemußte“, die logische. Darüber ließe sich noch viel sagen; es muß hier bei der Anregung zum Weiterdenken bleiben.

Zum Schluß ein Gleichnis: In der Ostzone kursierte bald nach Kriegsende eine Anekdote: Ein Russe sah einen Deutschen auf einem Rade „freihändig“ fahren. Er glaubte, es handele sich um eine Spezialmaschine, nahm dem andern das Fahrzeug ab, setzte sich darauf, ließ die Hände los und – fiel um. Um freihändig zu fahren, muß man „schulmäßig“, nach dem Gesetz des „Funktionierens“, fahren können. Sonst funktioniert es eben nicht, wenn es auch für ein paar Meter Angst reichen mag ...

Soll logisches Musikdenken, organisches großräumiges Gestalten nicht verlorengehen, wird man gut tun, die musikalische Lateinschule der klassischen Harmonik nicht – aus bloßem, ahnungslosem Ressentiment – leichtfertig preiszugeben.