Die Olympischen Sommerspiele 1952 werden, was die Zahl der teilnehmenden National anbetrifft, die größten aller bisherigen Spiele sein. In Helsinki lagen bis zum Tage des Meldeschlusses – vergangenen Sonnabend – die Zusagen von siebenundsechzig Staaten vor; das sind acht mehr als bei den Londoner Spielen vor vier Jahren. So hat sich trotz Kriegs- und Nachkriegswirren der Olympische Gedanke wieder durchgesetzt und neue Völker in seinen Bann gezogen.

In allen Ländern der Erde wird nun fieberhaft die Vorbereitung auf die Olympischen Sommerspiele betrieben, die in der zweiten Juli-Hälfte beginnen werden. Überall finden Ausscheidungskämpfe statt, um die besten jeder Disziplin herauszufinden. Denn so großzügig wie früher wird man diesmal mit dem Mitfahren nicht verfahren können. Dazu sind die Reise und der Aufenthalt in dem Lande der tausend Seen zu teuer – trotz der „Touristenmark“, die der finnische Staat geschaffen hat und die den Besuch der Spiele um etwa 40 v. H. verbilligt. Der Vorverkauf der Eintrittskarten in den verschiedenen Ländern ist aber trotzdem bislang recht enttäuschend gewesen, und man macht sich nun in Helsinki allerhand Sorgen.

Wenn man also weiß, wie kostspielig diesmal die Beschickung der Spiele ist, muß man sich eigentlich wundern, wer neben den eigentlichen Kämpfern noch alles an „Betreuern“ mitreisen soll. Die Zahl der Funktionäre ist mit den Jahren immer höher geklettert. Wenn wir zum Beispiel 180 Kämpfer an den Start schicken und ihnen fünfundsechzig Reisebegleiter mitgeben; dann ist dieses Verhältnis zwar gegenüber der Schweiz mit ihrem Verhältnis von 200 zu 103 noch bescheiden zu nennen, dennoch scheint uns eine Verminderung unserer Quote (vielleicht auch bei den Aktiven) immer noch geboten. Wenn man nur will, kann man schon sparen – ja, man hat sogar die Verpflichtung dazu, denn die Kosten der ganzen deutschen Expedition sind zu 70 v. H. von der Deutschen Olympischen Gesellschaft aufgebracht worden, und das sind die Groschen, die man sich durch Sammlungen auf der Straße und den Sportfeldern vornehmlich von dem „kleinen Mann“ zusammengebettelt hat. Er hat sie aber bestimmt nicht gegeben, damit jeder mehr oder minder bedeutende Funktionär in den Norden reisen kann. Zur Ergänzung allerdings noch dieses: nach einer Meldung aus Helsinki hat ein ungenannter Oststaat zu seinen 100 Teilnehmern ganze 100 Betreuer genannt. Der Witzbold, der die Helsinki-Kämpfe als das „Olympia der Funktionäre“ bezeichnete, dürfte also kaum so unrecht haben.

Dänemarks Gärtner haben sich entschlossen, jedem Goldmedaillengewinner in Helsinki einen Strauß von 20 roten und weißen Nelken, jedem Silbermedaillenträger einen rosa und jedem, der sich eine Bronzemedaille holt, einen goldbraunfarbenen Nelkenstrauß zu stiften. Die Nelken sollen jeden Tag frisch geschnitten mit einem Flugzeug in die Hauptstadt Suomis gebracht wenden. Dänemarks Farben werden also täglich im Stadion von Helsinki aufleuchten, auch wenn es nicht am Siegesmast ist.

Die Russen bringen keine Blumen. Sie legen ja auf Äußerlichkeiten überhaupt nicht allzu großen Wert, ihnen kommt es mehr auf Goldmedaillen an. Der Sowjet-Sport ist für uns noch immer ein unbeschriebenes Blatt, aber in der Schwerathletik, etwa im Ringen, Boxen und Gewichtheben, werden ihre Sportler wohl sicher mit bei den ersten sein. In der Leichtathletik und im Turnen wollen, sie auf alle Fälle ein ernstes Wort mitreden und im Rudern haben sie sich etwas besonderes vorgenommen. Auf dem letzten internationalen Rudererkongreß lüfteten sie, unmittelbar nach ihrer Aufnahme in den Weltverband, ein wenig den Schleier des Geheimnisses. Im selben Augenblick wurde es allen Anwesenden klar, daß hier mit einem neuen, zur Zeit in seinen Leistungen kaum abschätzbaren, aber bestimmt starken Gegner zu rechnen, ist. Das große Rätselraten um die Führung im Weltrudersport ist durch das Erscheinen der Russen nicht geringer geworden. Die Italiener schrieben erst vor kurzer Zeit von den baden „Ruderkolossen“ Deutschland und Rußland, was insofern sehr schmeichelhaft für uns ist, als unsere Ruderexperten uns selbst nicht so hoch bewerten und froh sind, wenn wir wenigstens bei allen Endkämpfen dabei sind.

Noch haben die Spiele nicht einmal begonnen, da steht schon die Frage nach dem nächsten Austragungsort zur Debatte. 1956 wird man sich ja nun bestimmt in Melbourne treffen, 1960 vielleicht in Japan. Die finanziellen und organisatorischen Schwierigkeiten, die sich im Falle Australien einstellten, sind inzwischen behoben worden. Das dem Fußballklub Carlton gehörige Stadion, das 63 000 Zuschauern Platz gewährt, ist zum Mittelpunkt der Kämpfe bestimmt worden, die nahebei gelegene Universität wird den meisten Teilnehmern als Unterkunft zur Verfügung stehen.

Waller F. Kleffel