J. H. Paris, Ende Mai

Die Wirtschaftspolitik der jetzigen französischen Regierung verfolgt das Ziel, durch straffe Importkontrolle, Ausfuhrbegünstigungen und Deviseneinschränkungen die Zahlungsbilanz zu verbessern und durch ein Bremsen der Haussetendenz die Umkehr der Preisentwicklung zu erreichen, um zuerst zu einer Stabilität und in der Folge zu einer Reduktion der Preise zu gelangen. So soll der Inflation Einhalt geboten und das Vertrauen zur Währung wiederhergestellt werden.

Die französischen Preise sind seit dem Koreakonflikt stärker als in irgendeinem anderen Lande, wenn man von Österreich und Finnland absieht, in die Höhe gegangen. Nimmt man die Indexziffer 100 für 1950 an, so erreichten die Preise im März 1952 für Textilien die Indexziffer 128, für Getreide 141, für Rindfleisch 144, für Milchprodukte 152, für Kohle und Elektrizität 156, für Gas 186. Die Löhne sind bis 152 „mitgezogen“. Einige Einzelbeispiele: Seit einem Jahr gingen die Preise für Glühbirnen um 50 v. H. in die Höhe, für elektrische Bügeleisen stiegen sie um 30 v. H., für Gasherde um 43 v. H. Der Preis für Käse stieg um 40 v. H., für Kopfsalat um 100 v. H., für Kartoffeln um 25 v. H.

Was aber sind die Ursachen dieser Entwicklung und welche Möglichkeiten bestehen für eine Umkehr? Zunächst einmal sind die Produktionskosten in Frankreich höher als in den Nachbarländern. Das hängt nur zu einem Teil mit der Organisation der Produktion, der geringeren Intensität der Arbeitsleistung und dem nicht voll modernisierten Produktionsapparat zusammen. Zum anderen Teil sind die Steuern und die Soziallasten für die Preisentwicklung der Produktion verantwortlich. Die Soziallasten erreichen etwa 50 v. H. des Lohnaufwandes. Ein Teil davon kommt dem Arbeitnehmer direkt zugute und stellt den sogenannten „zweiten Lohn“ dar. So entfallen z. B. 15 v. H. der Sozialzuschläge auf die Familienzulagen; der „zweite Lohn“ erreicht im Durchschnitt 25 v. H. des Normallohnes. Bei jeder Lohnerhöhung von 100 Francs muß also der Arbeitgeber 150 Francs zahlen, die zusätzliche Produktionskosten darstellen. Bei dem seit Jahren währenden Wettlauf zwischen Preis und Lohn in Frankreich zogen bisher die Preise jeweils wesentlich stärker an als die Löhne. Die Kaufkrafterhöhung wurde so binnen kurzem absorbiert.

Im abgelaufenen Jahr kam es zweimal zu starken Erhöhungen der Mindestlohnsätze, die preissteigernd wirkten. Darüber hinaus verstärkte die Hausse der internationalen Rohstoffmärkte den Preisaufschwung. Diese doppelte Haussetendenz verschärfte die Inflation im Lande selbst, die sich vor allem in dem Steigen der Gold- und der „schwarzen“ Devisenpreise niederschlug. Der Pariser freie Goldmarkt ist nicht ganz so frei, wie dies nach außen hin scheinen mag, denn der französische Stabilisationsfonds, der mit der Bank von Frankreich eng verbunden ist, hat u. a. die Aufgabe, bei verstärkter Nachfrage Gold in Barren und Münzen auf den Markt zu werfen, um die Kurse zu stützen. Bei der letzten Regierungskrise aber verfügte dieser Fonds über fast kein Gold mehr. Die Kurse schnellten daher in die Höhe. Die am meisten in Frankreich gehandelte Goldmünze, der „Napoleon“, wurde mit mehr als 5000 ffrs. bezahlt und der US-$ mit 485 ffrs. Frankreich stand vor einer der schwersten finanziellen Situationen, die es je gekannt hatte und Edgar Faure verschwieg nicht, daß es vom „Sperren der Schalter“ nicht mehr weit entfernt sei...

Da kam Pinay ans Ruder. Mit einem neuen Programm, einer neuen Tendenz, einer neuen Politik. Vor allem wollte er die Haussebewegung anhalten, eine Baisse hervorrufen, das Vertrauen zum Francs stärken, das Budgetdefizit decken, ohne – vorläufig – neue Steuern zu erheben. Zugleich beschloß er die Einführung einer Steueramnestie. In der Öffentlichkeit applaudierte man. Die schwarzen Devisenkurse gingen zurück, der US-$ wird gegenwärtig mit etwa 400 ffrs. bezahlt, der Schweizerfranken ging von 110 auf 92 ffrs. zurück. Das steigende Vertrauen ist offensichtlich. Daß diesem Vertrauen anfangs etwas nachgeholfen wurde, indem der Stabilisationsfonds von der Bank von Frankreich am 14. März eine Anleihe von 25 Mill. Golddollar für ein Jahr erhalten hatte, sei nur nebenbei festgestellt.

Der Preisindex beginnt zweifellos eine Baissetendenz aufzuweisen. Der Generalindex der Engrospreise stand im April 1951 bei 140,2, im Januar 1952 auf 152,5, im März bei 149,3 und erreichte im April 146 (1949 = 100). Dabei gingen die reinen Nahrungsmittelpreise im Detailverkauf von 142,2 im Januar 1952 auf 142,1 im April zurück. Der Rückgang der Nahrungsmittelpreise, die bei den Lebenshaltungskosten der breiten Masse in Frankreich den wichtigsten Faktor darstellen, weil mehr als 70 v. H. des Budgets des kleinen Mannes für den Kauf von Nahrungsmitteln ausgegeben wird, ist also zunächst gering. Wohl sind im Mai die Preise für Gemüse und Milchprodukte zurückgegangen, dieser Rückgang stellt aber eine saisonbedingte Baisse dar. Die französischen Hausfrauen sind also vorläufig mit Monsieur Pinay keineswegs zufrieden, auch die Arbeiter nicht, und die Gewerkschaften verlangen mit allem Nachdruck autoritäre Maßnahmen, um eine tatsächliche Preisreduktion durchzusetzen oder aber den Lohnstop aufzuheben. Der Ministerpräsident sieht sich indessen als Vertreter des Liberalismus an und will dirigistische Maßnahmen vermeiden, solange es geht.