Wir hörten:

Mit sicherer Hand einen Griff in unseren Alltag zu tun – das ist viel für ein Hörspiel. Denn dort, wo Menschen sprechen sollen, die so sind wie tausend andere auch, klingt jeder falsche Ton penetrant laut. Heinz Oskar Wuttig, dessen Funkballade „St. Louis Blues? bei der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden lobend erwähnt wurde, zeichnete jedoch mit seinem neuen Stück „Asternplatz“ (gesendet vom RIAS, Regie Hanns Korngiebel) einen Großstadttag, wie ihn Familie Bartel, der Versicherungsagent Burmester, der Glaser Arnold ... wie ihn normale Berliner eben erleben können.

„Haltestelle Asternplatz, da fährt die Linie 9; Häuser, Geschäfte, ein paar Ruinen.“ Die räumt der Bagger auf, in seinem Lärm leben die Menschen. Sie leben nebeneinander – oft ohne Liebe, meist ohne sich zu helfen. Bis der Bagger die Bombe freilegt: die Luftmine, deren Uhrwerk zu ticken anfängt... Aufs neue ist der Krieg unter ihnen. Die Polizei: „Räumung – fünf Kilo Handgepäck!“ Die Menschen: „Nun stehen wir wieder vor dem Nichts.“ Aber jetzt kommen sie sich wieder nahe, der Mann seiner Frau, ein Nachbar dem anderen. Dann wird die Bombe gesprengt, außer den Scheiben bleibt alles heil. Die Menschen kehren in ihre Wohnungen zurück: „Nur die Zeit ham’se uns gestohlen.“ Und der Leierkastenmann sagt: „Ob die Leute nicht doch ein bißchen anders geworden sind?“

Zur Verknüpfung der unzähligen Szenen und Personen gab es kaum ein besseres Mittel als den Sprecher (hier war die beliebteste aller Hörspielfiguren einmal am Platz).

Das Nachtstudio des SWF entdeckte die Liebeslyrik Pierre Louys’ wieder, eines Zeitgenossen, von Valéry und Proust. „Die Lieder der Bilitis“ ertönten (in der neuen Übersetzung Tami Oelfkens), sie sollten nach Sappho klingen, wie denn Louys seine „Bilitis“ eine archaische griechische Dichterin sein ließ. Aber Sappho sang: „Dieser sagt von Reitern und der vom Fußvolk... auf dunkler Erde seien sie das Schönste –, doch ich sag dies vom Ziel einer Liebe.“ Dagegen „Bilitis“: „Die eine hüllt sich in Wolle, die andre in goldene. Seide... ich möchte nur nackend sein, Geliebte.“ So deutlich pflegte sich Sappho nicht auszudrücken ...

Vor Jahren schrieb Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff über „Bilitis“, sie sei ein schlechter und unsauberer Abklatsch Sapphos. Tempora mutantur?

Wir werden hören: