Von unserem Korrespondenten

K. W. Berlin, Anfang Juni

Rings um Berlin ist es lebendig geworden. Ein Sperrgürtel um die Stadt soll entstehen, der den Zugang aus der Ostzone zur Insel Berlin so schwer wie möglich macht. Einstweilen aber gilt die Heftigkeit der Absperrungsarbeiten vor allem dem großen Teil der Berliner Grenze, die die Westsektoren von der sowjetischen Zone scheidet. 225 Übergangsstellen führen von der Zone in die Weststadt, die große Einfahrt von der Autobahn aus dem Westen nicht mitgerechnet. Und am Pfingstmorgen waren 180 von ihnen plötzlich mit Baumstämmen, schnell und primitiv gefällt, mit roh behauenen Schlagbäumen und schnell aufgeschütteten Sperren versehen.

In der Stadt selbst aber überqueren viele Verkehrsmittel – wie Sie S-Bahn, die U-Bahn, die Straßenbahnen – an Hunderten von Stellen die Sektorengrenzen. Der Weg nach Westberlin also ist noch immer offen. So war es Pfingsten, wo Hunderttausende aus dem Osten zum Avus-Rennen gekommen waren. Doch wird bereits das äußerste Mittel vorbereitet, Westberlin zu isolieren. Die Reise aus der Sowjetzone nach Berlin – und auch schon die in den Ostsektor – wird genehmigungspflichtig. Rings um Berlin werden vor der Stadt die Züge, die Autos, die zu Fuß passierenden Menschen einer strengen Kontrolle unterzogen werden.

Der Telefonverkehr zwischen West- und Ostberlin ist einstweilen unterbrochen. Immerhii gibt es ein Angebot aus Ostberlin, siebzig Leitungen für diesen innerstädtischen Verkehr wieder herzugeben, wenn alle diese Gespräche erst über eine Auffangnummer gehen, damit sie registriert werden können. Man fürchtet, da? auch der innerstädtische Grenzgängerverkehr betroffen wird: es arbeiten ja 70 000 Westberliner im Sowjetsektor und etwa 55 000 Ostberliner in den Westsektoren. Der „Demokratische Block“ Berlins jedenfalls, von dem zwei Jahre lang nichts mehr zu hören war – er ist die ungewählte Vertretung der Ostberliner Parteien – hat plötzlich zu „Schutzmaßnahmen gegen Westberlin“ aufgefordert. Und da solchen Resolutionen immer Aktionen vorausgeschickt werden, die längst vorbereitet sind, wird man noch weitere Schikanen erwarten müssen.

Um so mehr konzentriert sich in Westberlin wieder Leben und Politik auf die verstärkte Solidarität mit dem Westen. Der stellvertretende amerikanische Oberkommissar Reber war Pfingsten in Berlin; der britische Außenminister Eden hat seine Bonn-Paris-Reise mit einem demonstrativen Besuch Berlins abgeschlossen. Die westlichen Oberkommissare haben scharfe Proteste bei General Tschuikow eingelegt und britische Militärpolizei hat den im Westsektor gelegenen sowjetisch kontrollierten Rundfunk mit Stacheldraht abgeriegelt. Diese Maßnahme ist die Vergeltung für die kurz zuvor in der Sowjetzone geräumten drei westlichen Exklaven. Diese Haltung und die Berlin-Deklaration der Westmächte sind klarer politischer Ausdruck dafür, daß Überraschungen wirklich nicht möglich sind. Der Weg von Berlin nach dem Westen ist offen und bleibt unbehindert.