Jene unseligen Bürokraten scheinen nicht alle zu werden, die Matth. 6, 3 („Lasse deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut“) als kategorischen Imperativ betrachten. Hört man sich die Sorgen der im Gesamtverband der Deutschen Textilveredlungsindustrie – zusammengeschlossenen 350 Betriebe mit 44 000 Beschäftigten an – reiner Produktions- (sprich: Veredlungs-)Wert jährlich 400 Mill. DM –, die neulich in einer Pressekonferenz analysiert wurden, so fühlt man sich fast in die leidigen Vorwährungsreformzeiten perforierter Bewirtschaftung mit all ihrem fadenscheinigen Gesetzesdekor zurückversetzt. Die Tragikomödie (mit ernster Moral) betitelt sich – hier wie bei anderen Branchen –: Kohle.

Neben Wasser, Farbstoffen und Chemikalien gehört Kohle zum A und O der Textilveredler (u. a. Garnveredlung, Druckerei, Bleicherei, Färberei, Appretur), deren Zentren sich nach Abschnürung von 40 v. H. durch die Zonentrennung in und um Krefeld, Gladbach, Wuppertal, in Westberlin und Süddeutschland finden. Im 3. und 4. Quartal 1951 betrug die amtliche Kohlenzuteilung 15 v. H., im ersten Vierteljahr dieses Jahres 25 v. H. des Normalverbrauchs. Die restlichen 75 v. H.? „Man“ erwartet wohl, daß die Wirtschaft sich „schon zu helfen weiß“.

Gestärkt durch das Bewußtsein, daß „ein Veredlungsbetrieb erst ausgelastet ist, wenn 80 v. H. seiner Kapazität laufen, und daß dann gut gearbeitet wird, wenn man das Kapital ein- bis anderthalbmal im Jahre umsetzt“ (so Verbandsvorsitzender Dr. Guido Ziersch), pflegte der Unternehmer also auf den Schwarzmarkt zu gehen; setzte sich der Strafverfolgung wegen Verstoßes gegen die Preisvorschriften aus; ließ die zu Überpreisen von 50 DM je t „hintenherum“ besorgte Kohle von den Preisüberwachungsbehörden beschlagnahmen; zahlte in diesem Falle obendrein noch Strafe und stand schließlich – ohne Kohle da. Daß die Finanzverwaltung die durch den Schwarzbezug entstandenen Sonderausgaben nicht anerkennt, versteht sich am Rande.

Da angeblich monatlich rund 50 000 t Kohle über die offizielle Zuweisung hinaus gebraucht werden, ergäbe sich ein jährlicher Bedarf von 600 000 t gegen einen Mehrpreis von 30 Mill. DM; eine Summe, die dem Jahres-Investitionsbedarf dieser Industrie just entspricht. Das ist gleichbedeutend mit Minderung der Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit, zumal die im Naßbetrieb arbeitenden Maschinen hohem Verschleiß unterliegen: „Und die Schulden wachsen.“

Der Preisindex, der also für die Erlöse dieser Sparte gilt, liegt bei 160 bis 190 (1933 = 100), je nach der Sparte. Dem stehen als wesentliche Kostenindizes (nach Angaben des Verbandes) gegenüber: Kohle etwa 750, technische Textilien 450, Papier mehr als 400, Reparaturmaterial 200 bis 380, Farbstoffe und Chemikalien über 200, Löhne 202, Soziallasten 180, Gehälter 174. „Mit den jetzigen Veredelungspreisen kommen wir nicht mehr hin.“ Diese Fanfare ist nicht neu. Aber erlaubt die schwierige Marktlage etwa Preiskorrekturen nach oben?

Andererseits müßten die Betriebe dringend modernisiert werden, weil angesichts der ausreichenden Kapazität (teilweise gibt es sogar – ebenso wie in Italien, Frankreich, den USA und England – Überkapazitäten) im Inland und nach außen mit Konkurrenz Verschärfung und gesteigerten Qualitätsanforderungen-zu rechnen ist. Hinzu kommen die neuen Probleme auf Grund des revolutionierenden Vordringens der synthetischen Fasern: man braucht neue Maschinen, ohne investieren zu können. Aus der Substanz lassen sich die Kosten nicht decken. Einen Preisausgleich für Schwarzkohle, deren Beschaffung von der rechten Hand quasi empfohlen wird, versagt die linke Hand. Betriebsschließungen sind ungern gesehen, weil sie den Arbeitsmarkt belasten und ein Glied aus der Fabrikationskette herauslösen würden.

Dabei ist Kohle vorhanden. Der Gesamtverband der Textilveredlungsindustrie erstrebt deshalb um so mehr die schleunige Beendigung jener babylonischen Verwirrung in puncto Kohlenbedarfsdeckung. Er hält es jetzt mit Matth. 12, 34: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ Die Textilveredler gingen „in die Öffentlichkeit“. Helmut Benecke