Von unserem österreichischen Korrespondenten

H. M. W. Wien, Ende Mai

Aus den Dokumenten, die Belgrad über seine Beziehungen zur Sowjetunion veröffentlich hat, geht hervor, daß damals bei der beginnenden Auseinandersetzung, Titos Gebietsansprüche gegenüber Österreich eine gewisse Rolle gespielt haben. Es scheint, daß Tito seine, ursprünglich auch Vilach und Klagenfurt einschließenden Forderungen schließlich auf das Gebiet Lavamünd-Schwabegg reduziert hat, ohne hierzu vom Kreml autorisiert zu sein. Das Außenkommissariat der UdSSR reagierte auf diese Selbständigkeit, indem es die jugoslawischen Forderungen überhaupt fallen lief.

Die zerrissenen Kraftwerke

Warum versteifte sich Tito eigentlich auf einen Zipfel Kärntens, in dem es kaum Slowenen gibt? Deshalb, weil hier in der deutschen Besatzungszeit mächtige Kraftwerke entstanden sind, die aus den Draustrom gespeist werden. Als 1945 die Grenze von 1938 wiederhergestellt wurde, fiel das Werk Unterdrauburg an Jugoslawien, während die Werke Lavamünd und Schwabegg bei Österreich verblieben. Die Betriebseinheit dieser drei Werke war mithin zerrissen. Als dann Tito die Deutschen und die Österreicher aus seinem Staatsgebiet vertrieb und die Grenzen hermetisch, abriegelte, konnten die Österreicher zwar keine Gegenmaßnahmen ergreifen, aber sie waren schließlich noch stehen geben, daß erträgliche Beziehungen im Interesse beider Nachbarn zweckmäßig seien.

Zunächst fruchtete auch das nur wenig; Tito hoffte ja, das Gebiet bald auf dem Verhandlungsweg zu erhalten und wahrscheinlich hat er zeitweilig sogar mit dem Gedanken gespielt, es im Handstreich gegen die schwachen britischen Sicherungskräfte zu besetzen. Als die Verhandlungen sich aber hinauszögerten, beschlossen die Jugoslawen, sich mit den am Oberlauf der Drau sitzenden Österreichern zu verständigen, österreichische Techniker kamen nach Unterdrauburg, um zu erklären, wie das Werk zu steuern sei. Kaum hatten die Jugoslawen herausbekommen, wieviel Energieleistung sie in all den Monaten eingebüßt hatten, da erhoben sie auch schon Ansprüche auf Schadensersatz. Gleichzeitig legten sie Protest ein, weil die Österreicher die Wasser des Möllflusses „verlagert“ hatten. Das ging den Österreichern dann doch zu weit. Sie lehnten jegliche Kompensationszahlung ab, und was das Wasser der Möll anbelangte, so hatte man es durch den Hauptkamm der Tauern in riesige Druckstollen ins „innerösterreichische“ Großwerk von Kaprun geleitet, was natürlich nicht rückgängig gemacht werden konnte. Trotzdem bemühte man sich weiterhin, dem Nach-Grund zur Beschwerde zu nehmen. Die in Kärnten federführende Sozialistische Partei hat sogar veranlaßt, daß im Grenzgebiet, selbst in rein deutschsprachigen Orten, der Schulunterricht zweisprachig, also deutsch und slowenisch, erfolgen muß. In Wirklichkeit aber sind die Slowenen gewissermaßen eine Minderheit innerhalb einer Minderheit. Die Mehrheit der Nichtdeutschsprachigen spricht nämlich „windisch“ – ein slowenischer Dialekt mit zahlreichen deutschen Lehnwörtern. Die Lehrer sind also gezwungen, den deutschen und den windischen Kindern zunächst eine dritte Sprache beizubringen, die man außer im benachbarten Tito-Staat nur ganz vereinzelt auf der Welt spricht!

Der große Wandel

Die Verhältnisse an der Grenze begannen sich zusehends zu normalisieren, als Tito unter den Druck der Kominform geriet. Eines Tages erschien Tito (mit schöner Frau, Wolfshund und weißem Sommeranzug) auf dem Loibl-Paß, der jahrelang gesperrt gewesen war und unterhielt sich in fließendem Deutsch mit den österreichischen Grenzern. Auch fiel in dieser Zeit einmal die Bemerkung, daß man in der alten Monarchie (in deren Armee er Unteroffizier gewesen sein dürfte) schon habe leben können! – vor Tische las man’s anders. 1951 und 1952 war er eifrig bemüht, österreichische Touristen ins Land zu ziehen. Inzwischen hat Tito eine weitere und sehr entscheidende Konzession gemacht. Er hatte durch seinen Außenminister offiziell erklären lassen, daß er seine Ansprüche auf Kärntner Gebiet habe fallen lassen, und um die letzten Reibungen mit Wien aus der Welt zu schaffen, ließ er durch seine UNO-Vertreter in New York (meist routinierte Männer mit ancien-régime-Vergangenheit) sondieren, ob die UNO ihre guten Dienste für einen jugoslawisch-österreichischen Kraftwerk-Vertrag zur Verfügung stellen würde. Der Generalsekretär entschied, daß hier der Leiter der Energiewirtschafts-kommission Mr. P. Sevette zuständig sei und unter seinem Vorsitz wurden mittlerweile in aller Stille Verhandlungen aufgenommen. In den letzten Wochen hat Jugoslawien, ohne von seinen Schadenersatzansprüchen ganz abzurücken, als weitere Konzession einen Transitverkehr von Bleiburg nach Lavamünd, also über jugoslawisches Gebiet angeboten. Die Österreicher erklärten, sie würden sich das durch den Kopf gehen lassen. Offenbar sind sie in diesem Punkt zu Kompensationen bereit.